Sytirolish im Zeichen von Ursprung, Selbstwert, Freiheit und Harmonie
Der Internationale Tag der Muttersprache der UNESCO (heute) steht für sprachliche Selbstbestimmung. Wegen Mißachtung und Unterdrückung von Muttersprache hat es sogar in neuester Zeit Krieg und die Ausrufung eines neuen, großen Staates gegeben. 1952 hatte das neu gegründete Pakistan die Sprache Urdu als Hoheitssprache festgesetzt, obwohl 97% der Staatsbürger Bengali sprachen. Die Folge waren Unruhen und die Abspaltung von Bangladesh. Auf Antrag von Bangladesh hat dann die UNESCO (seit 2000) den Tag der Muttersprache ausgerufen. Die Betonung liegt also klar auf Ursprünglichkeit und Bedrohtsein.
Da soll einer noch sagen, es, es sei vollkommen wurscht, welche Sprache im eigenen Land herrsche, Hauptsache man verstehe einander – unausgesprochen: die anderen unter mir haben sich anzupassen. So läuft das in Südtirol, wenn eingewanderte Italiener, gleich ob in der ersten, zweiten oder dritten Generation, gewinnend und menschenfreundlich von „convivenza“ reden, dabei aber stets den Primat der Staatssprache Hochitalienisch vor allen anderen muttersprachlich gewachsenen Landessprachen meinen. Da stehen allen voran das vom Aussterben bedrohte Ladinisch an und das von 75% der Bevölkerung gesprochene und sowohl umgangssprachlich wie kulturell vorherrschende Südbairisch, das in Südtirol mittlerweile südtirolerisch oder einfach nur „Dialekt“ genannt wird.
Die hiesigen Ursprungsdeutschen haben im Laufe ihrer über 1000jährigen Geschichte die Evolution der deutschen Muttersprache in all ihren Stadien treu mitgemacht: Vom bairischen Mittelhochdeutsch, das heute noch einen prägenden Anteil in Sytirolish hat (wie ich das Südtirolerische zu nennen beliebe) über die österreichische Amts- und Kaisersprache bis hin zum touristisch gefärbten ZDF-Deutsch derer, die sich in der deutschen Hochsprache mondän hervortun wollen.
Gerade mit dem Blick auf die sprachliche Entwicklung in Südtirol darf zum Tag der Muttersprache der faschistische Würgegriff Italiens im Ventennio (1923-1943) nicht vergessen werden – der ganz à la Pakistan 1952 ablief. Ohne weiter auf diese traurige Vergangenheit einzugehen, muss festgehalten werden, dass die aufoktroyierte Staatssprache Italienisch wie eine Klemme an die Nabelschnur zum Mutterleib gewirkt hat auf die deutsche Alltags- und Kultursprache der Südtiroler. Gerade in den ersten Dezennien des 20. Jahrhunderts haben sich dialektale Besonderheiten überall in Europa glatt und organisch in die unitarische Sprache des jeweiligen Staates eingegliedert, hauptsächlich aufgrund des technologischen Fortschritts. In Nordtirol war das der Fall. In Südtirol gab es die Klemme.
Durch diese politische Eigenheit hat sich in Südtirol der Dialekt als geheime Muttersprache gehalten. Das Standarddeutsch durfte nach 1945 zwar wieder unterrichtet werden, doch traf es bei den so lange abgeklemmten Südtirolern allein schon phonetisch auf die allergrößten Schwierigkeiten (die bis heute anhalten).
Somit ist das Erlernen und das fließende Sprechen der deutschen Muttersprache in Südtirol heute gespalten und zu beiden Seiten aufgeteilt in Heimat- und Hochsprache. Nur wenige können Hochdeutsch (früher Reichsdeutsch) akzentfrei reden, und wenn sie akzentfrei reden, dann kommt ein für unser Land total unnatürliches Piefke-Deutsch heraus und nicht das melodisch weiche Wiener oder Münchner Deutsch, das unserer Kultur, Eigenheit und Geschichte natürlich, naheliegend und angemessen wäre.
Der Tag der Muttersprache soll uns angestammte Südtiroler anspornen, unsere Heimatsprache und erste Muttersprache, den Dialekt, weiterhin zu pflegen und der Öffentlichkeit zuzuführen, ihn zu verfeinern und zu verschriftlichen, aber zugleich an der Vervollkommnung und landsmannschaftlichen Färbung unserer deutschen Muttersprache in ihrer universalen Geltung zu arbeiten. Dabei sollten wir nicht vergessen, dass mit Italienisch (Hoheitssprache) und Englisch (Weltsprache) zwei weitere wunderbare und große Sprachen auf uns warten und es erwarten, von uns beherrscht und möglichst schön gesprochen zu werden. Dieser Herausforderung wollen wir uns nicht entziehen. Weniger denn je. Ohne das Eigene zu vernachlässigen.