WIR, DIE GRETA THUNBERGS DER AUSSENPOLITIK

2. März 2026

Der Iran wird auch diesen Krieg überstehen. Ethik auf dem Prüfstand.

Beim Einmarsch der Russen im Donbas war den Westernern das Völkerrecht heilig. Jetzt, beim (zweiten) Überfall Trumps auf Teheran heißt es:

«Aber gibt es nicht das Völkerrecht? Oder Den Haag? Nein, nicht wirklich.»

Diesen Satz schreibt Alexander Grau in der Weltwoche heute am 2. März 2026*. Dafür bekommt er (Stand 08h) 30 Likes und 50 Daumen runter, was anzeigt, dass das Urteilsvermögen der WW-Leser noch halbwegs intakt ist.

Der Meinungsartikel von Herrn Grau ist vor allem deshalb der Beachtung wert, weil hier die Stereotypen der Westpropaganda meisterhaft gebündelt sind.

Leute, die Trump und Netanjahu an die Verletzung elementarer Regeln im zwischenstaatlichen Umgang erinnern, bezeichnet der Westerner Grau nämlich als «die Greta Thunbergs der Außenpolitik». Da bin ich, zusammen mit vielen anderen, lieber eine Greta als ein Bibi. Wie schon bei Gaza.

Herr Grau dagegen schließt sich lieber der nackten Machtpolitik der Epstein-Klasse an, wenn er sagt:

(Zitat Grau 2): «Sehr viel einfacher ist es, Leute wie Chamenei und Konsorten einfach direkt vom Spielfeld zu nehmen.»

Ach so, ein «Spielfeld» ist das, wenn man in einer militärischen Sonderoperation gegen den Iran als Erstes kleine Schulmädchen ermordet.

Meldung von Al Jazeera um 16 Uhr am 28.02.2026

Für Herrn Grau wie für Meister Machiavell heiligt der Zweck jedes Mittel.

Zitat Grau 3, der Schlusssatz):«Und zwar im Sinne des Westens und aller freiheitsliebender Iraner. Das ist Rechtfertigung genug.»

Weil diese Begründung nichts als ein grober Betrug an Verantwortung und Verstand ist, sieht sich der Kommentator doch noch genötigt, so etwas wie eine universelle Rechtfertigung abzugeben (die er mit dem vollen Titel seines Artikels in Abrede stellt). Er greift auf eine ausgelutschte Hollywood-Kamelle zurück, die wir von Ami-Filmen endlos wiederholt bekommen:

(Zitat Grau 4): «Die Welt wird dadurch ein besserer Ort.»

Was nicht mehr ist als das heilige Feigenblatt, das die Schießorgien des einsamen Rächers in einer fiktiven Cowboy-Welt rechtfertigt. Für die praktisch denkenden Schweizer fügt Herr Grau noch an:

(Zitat Grau 5): «Schade um diese Leute ist es ohnehin nicht. Die Falschen trifft es auch nicht.»

Wer lehrt hier, dass man Menschen ruhig als zu entsorgenden Müll betrachten darf? Ach, Ihr alle meint wohl (mit Grau), dass «diese Leute» sterben müssen, weil sie die Bösen sind? Weil sie erst vor Kurzem einen Aufstand gegen ihren Staat und seine Regierung niedergeschlagen haben? Der war so blutig wie notwendig. Anders wäre der Starlink-Putsch, der unter der Regie des Mossad orchestriert worden war, nicht abzuwenden gewesen. Ein Blutbad, gewiss, aber eines, das der Logik der Macht nicht anders folgt als es die technologischen Mordanschläge und Zerstörungen des Westens gegen den Iran tun. Also, wenn es keine Moralismen geben soll, dann auch nicht an diesem wunden Punkt.

Am Ende leistet sich Alexander Grau von der Weltwoche einen dicken politischen Fehlschluss:

(Zitat Grau 6): «Und im Iran wird jetzt ein Machtkampf beginnen, der im besten Fall der Anfang vom Ende eines Regimes ist, das schon viel zu lang seine Nachbarn und das eigene Volk mit Terror überzieht.»

Nein, es wird kein Machtkampf innerhalb des «Regimes» ausbrechen. Warum sollte der eiserne Ring der Macht im Iran sich selber beiseite schaffen, nur um den angloamerikanisch-jüdischen Superreichen aufs Neue den Zugang auf das eigene Öl und Gas zu schenken?

90 Millionen Iraner wissen genau, wer die oberen Zehntausend «freiheitsliebender Iraner» sind und was sie im Schild führen, und sie werden diesen Leuten weiterhin das Tragen von aufreizenden Denims verbieten, weil sie sonst wieder von Handlangern des Westens nach Strich und Faden ausgeplündert würden. Das hatten die Perser schon einmal, und eine Figur wie der Schah-Sohn ist kaum dazu geeignet, diesen Verdacht zu zerstreuen und glauben zu machen, es gehe beim Angriff der Amerikaner nur um Frauenrechte und Party-Freiheit.

Freiheit für die einen, Tod für die anderen. Screenshot Youtube

Es ist davon auszugehen, dass der oberste Geistliche Führer sich bewußt dem Märtyrertod hingegeben und seine Nachfolge längst schon geregelt hat. Geopolitisch steuern wir einer Patt-Situation zwischen Ost und West zu. Es kommt in den nächsten Jahren darauf an, dass der evolutionäre Reformweg der schiitischen Theokratie weiter beschritten wird – ähnlich wie es die Volksrepublik China vormacht, wo der alte Überbau bestehen bleibt und im Alltag die produktiven Kräfte des Marktes zur Wohlstandsvermehrung der eigenen Bevölkerung nicht nur zugelassen, sondern aktiv unterstützt werden. Die westlichen Sanktionen werden diese Entwicklung angesichts des globalen Umschwungs von West nach Ost nicht mehr so stark wie bisher behindern können.

EMPFEHLENSWERTE STIMMEN

Deutscher Exil-Iraner B-Lash zur Nationalitäten-Frage hier in diesem Youtube-Video

Der brillante Marco Travaglio mit Basisaufklärung für Trump, was der Iran ist hier in diesem Youtube-Clip.


*) Tötung Chameneis: Eine gute Nachricht – und im Interesse des Westens. Der Glaube an universelle Massstäbe ist illusorisch. Von Alexander Grau in «Die Weltwoche» (weltwoche.ch) am 02. März 2026.

Titelbild: Satellitenbild vom zerbombten Anwesen von Ayatollah Ali Kamenei, der NYT zugespielt am 28. Feb. 2026. Foto: Screenshot X/ Christiaan Triebert