TARNELLERS VINSCHGAU

5. Oktober 2025

Lehrmeister der Namenforschung ist Josef Tarneller. Erst recht betreff Vinschgau. Venusta Vallis. Vinsgowe.

Im Jahr 1897 erscheint in der Ferdinandeums-Zeitschrift (Innsbruck) ein kleiner Aufsatz von Hw. Prof. Josef Tarneller.

Vinsgowe. (Eine Studie über die Schreibung dieses alten Namens.) 1897

Vinschau, das Stammland Tirols, ist der einzige Theil des Landes, der noch durch seinen Namen an die germanische Gauverfassung in unseren Bergen erinnert. Aber wie sich dessen Ausdehnung 1)

Fußnote 1) (Vgl. A. Tille „Landschaft, Gau Grafschaft Vinschgau)

änderte, so hat auch die Schreibung des Namens Wandlungen durchgemacht. […] Nur die urkundliche Forschung kann hier Licht schaffen, und –– sie schafft es auch. […] Die letzten 300 Jahre überschlage ich … da die Unkenntnis der Mundarten und (Meine Hervorhebung fett; dege) das Streben zu verhochdeutschen in nicht wenigen Fällen zu einer Verballhornung der Wörter herbeigeführt haben … deren eigentlichen Sinn kaum mehr erkennen läßt 1)

Fußnote 1) […] So machte man aus Tarants-, zusammengezogen Tarnsberg Dornsberg, aus öde (gesprochen ead) Eder, aus rot (gesprochen roat) Rait u.s.w. … als der Ableitung hohnsprechende Schreibung Schönna statt Schennan [Vgl. Dr. Jos. Schatz]

Die ältesten Formen, die überhaupt bisher beigebracht werden konnten, lauten: 1109 predium in loco qui dicitur Naturnes et est in pago Vinsgowe (Hormayr, Beiträge I, Nr. 59) und 1077 praedium nomine Slanderes situm in pago Finsgowe in Comitatu Gerungi (Sinnacher 3, 579; Hormayr Nr. 26 schreibt Finesgowe).“

„das Streben zu verhochdeutschen“! Tarneller grande!!! Weiter…

Seite 5 unten:

Es ist schon bemerkt worden, dass (Meine Hervorhebung fett; dege) die Etymologie für die Schreibung der Ortsnamen durchaus nicht an erster Stelle massgebend ist.

Seite 5, Fußnote

3) […]. (Meine Hervorhebung fett; dege) Es macht sich auch in dieser untergeordneten Frage die bedenkliche deutsche Art geltend, dass man die Wörter der eigenen Sprache nicht nach den deutschen Sprachgcsetzen behandeln, sondern nach fremder Auffassung meistern will. So spricht man das urdeutsche Gisela (Gisula, Gisla, Geisla) etwa nach lat. oder ital. Betonung Gisela aus, so muss sich der gefeierte Wiener Volksmann Dr. Lueger zu Lueger verballhornen lassen, so wollen wir das lautgeschichtlich feststehende Vinschgau mit dem neugebildeten „unaussprechlichen“ Vinstgau vertauschen, weil die Romanen val Venosta sagen.

Seite 6 Auf Seite 6 des Tarneller Vinsgowe kommt nun der Hammer!

Schon die einfache Thatsache, dass derselbe Goswin lat. venusta, aber deutsch Vinsgaw schreibt, […] hätte warnen sollen, Vinschgau von Venostes abzuleiten. (Meine Hervorhebung fett; dege) Vinschgau stammt nicht von den Venosten oder besser: Die deutsche Form Vinsgowe knüpft nicht an Venostes an, wie die lateinischen und romanischen Formen, sondern an Venones 2). Noch 1221 wird in Vennonibus für Vinschgau gebraucht (Churer Regesten S.8)

Fußnote 2) Ob Venones mit Venostes gleichbedeutend ist oder einen verwandten, nahe siedelnden Stamm bezeichnet, ist zweifelhaft, s. Armin Tille, Wirtschaftsverfassung S. 2.

Seite 6 gegen Ende

In deutschen Schriften gelte die deutsche Form Vinschgau! Noch ein Wort über Vintschgau. Wie kam es, dass man in den letzten Jahrhunderten so allgemein das unberechtigte t einschaltete 3) ? Es drang erst allmählich ein und ist theils den Schreibern zu verdanken, die sieh seit der Auflösung der mhd. Sprache in unnöthigen Schriftzeichen nicht mehr genug thun konnten (vgl. Marckhl für Markl, vnndt für und; Helmbstorff, hoff, kauff u. s. w.), theils (Meine Hervorhebung fett; dege) den mehr kräftigen als feinen Sprachwerkzeugen der Gebirgsbewohner, die eine gewisse Neigung hervorrufen, Consonantenhäufungen zu über- (Seite 7) winden, weshalb z. B. Tschuom (Schaum), tchegget (scheckig), Inderst (der Innerste), Mandl (Männlein) gesprochen wird. Uebrigens wird in Vinschgau durchaus nicht immer ein t gesprochen, man kann ebenso oft Vinschger wie Vintschger hören. Man trenne nur langsam Vin—schger, und man wird beobachten, dass kein t -Laut im Stamme steckt. Nur die schnelle Verbindung von n und sch lässt bei scharfer Aussprache eine Art t vernehmen, man müsste aber dann auch Mentsch, Wuntsch schreiben.

Wir haben also (Meine Hervorhebung fett; dege) für den Gau, der ursprünglich das ganze obere Etschthal bis zum Gargazazonbache umfasste, vier deutsche Schreibweisen: Vintschgau, vorwiegend in den letzten 300 Jahren, Vinschgaw in der mittleren, Vinsgow in ahd. Zeit und neuestens auch noch Vinstgau.

Vinstgau fusst nur auf romanischen (val Venosta, vallis venusta), nicht auf deutschen Formen (Vinschgew, Vinsgowe) und ist schon deshalb abzuweisen. Ausserdem widerspricht es der Aussprache und der Etymologie, denn Vinschgau erinnert nicht an die Venostes, sondern an die Venones 2 ). Vintschgau beruht nur auf scharfer Aussprache und der Unart der Schreiber. Vinsgowe ist geschichtlich die älteste Form, kann aber nicht mehr als berechtigt gelten, weil das s, in die allgemeine Bewegung hineingezogen, lautgeschichtlich zu sch wurde. Es bleibt also nur die Schreibung Vinschgau auf dem Kampfplatze zurück. Sie steht nicht wie Vinstgau mit der Aussprache im Widerspruch, sie ist urkundlich durch eine Wolke von Zeugnissen gestützt, und sie ist lautgeschichtlich und etymologisch allein berechtigt. Deshalb : Hie Vinschgau alle Wege !

Meran, 7. October 1896. Josef Tarneller.

2 ) Ein Venonesgowe findet sich, aber ein Venostesgowe haben auch die eifrigsten st-Männer nicht aufzuweisen vermocht.

Tarneller ist ein Lehrmeister! Und erst das Prinzip! Deutsche Art, die Wörter der eigenen Sprache nicht nach den deutschen Sprachgesetzen, sondern nach fremder Auffassung meistern wollen. Meister Tarneller hat 1922 im „Schlern“ nochmals den Gegenstand aufgegriffen. Hier bringt er in Fussnote das, was ich am schönsten finde!

DER SCHLERN 01.07.1922

Entwicklungsgeschichte des Namens Vinschgau. Von Josef Tarneller.

Das lange, schöne Tal, (Meine Hervorhebung fett; dege) urspr. vom Aschler- und Vallschauer-Bach über die Töll hinauf, am Ortler vorbei bis zu den Etschquellen und Finstermünz führt seit alter Zeit den Namen Vinschgau.*) Der älteste erreichbare Name für das alträtische Tal lautet anno 890 und 946 Vanusta vallis**) und dann unzähligemale in lateinischen Schriften vallis venusta.

Der deutsche Name erscheint erst im 11. Jahrhundert als Finesgowe, Vinsgowe, 1283 burg Evrs on Vinschew, 1319 unsrin ampt in dem Vinskew, Prior Goswin von Marienberg schreibt 1378 in deutschen Urkunden Vinsgow (w = u), 1423 in dem Vinschgäw, 1544 am weg da man nach Vinschgä geet. Seit dem 16. Jahrhundert tritt neben Vinschgau auch die vergröberte Form Vintschgau auf und gewinnt, gefördert durch die vielen romanischen tsch in den Ortsnamen Latsch, Matsch, Patsch, Flatsch (Vallatsch), Kompatsch, Martschein, Pardatsch, Partschoal, Rubatsch, Runggatsch, Tartsch u. dgl., die mehr kräftige als feine Aussprache bedeutend an Verbreitung.

Aber gerade hervorragende Werke tirolischer Schriftsteller wie „Tirol und Vorarlberg“ von J. J. Staffler und „Tirolisches Idiotikon“ von J. B. Schöpf bleiben unentwegt bei der Schreibung Vinschgau. Auch Justinian Ladurner schreibt in seinen vielen Beiträgen Vinschgau, bis er sich später in die st-Bewegung hineinziehen ließ. Schwankend schreibt Ludwig Steub je nach der Zeit Vinschgau, Vintschgau, Vinstgau. Denn seit der Mitte des 19. Jahrhunderts tritt von Graubünden her, wo die vielen vallis venusta den Anstoß gaben, eine neue Schreibung auf den Plan, die Form Vinstgau, macht schnelle Eroberungen und droht allmählich die Mehrheit zu gewinnen. Damit diese ungeschichtliche „unaussprechliche“ Form sich nicht noch mehr einniste, habe ich 1890 in der Ferdinandeums-Zeitschrift einen Aufsatz veröffentlicht, der die Schreibung Vinstgau als unberechtigt erweisen sollte.

Die kleine Arbeit hatte Erfolg. Zwar längere Zeit hielt sich Vinstgau, aber immer mehr verlor es an Anhängern und von Jahr zu Jahr erstarkte wieder die alte Schreibung Vinschgau (Oswald Menghin z. B. schreibt „Schlern“ 1920 im 8. Heft noch Vintschgau, im 16. Vinschgau und im 20. wiederholt nur Vinschgau), so daß einige Aussicht war, in nicht allzuferner Zeit Einigkeit zu erreichen. Doch das wäre nicht deutsch. Unter den Deutschen muß immer wieder eine abweichende Ansicht in die Quere kommen. […]

**) Die Tatsache, daß der Name Venostes nur einmal im 1. Jahrhundert v. Chr. und dann nicht mehr bis zum 8. Jahrhundert vorkommt und daß vom ersten Augenblick, wo der deutsche Name 1077 als Finesgowe, Finsgowe, 1109 als Vinsgowe erscheint, lassen einige Zweifel aufkommen, ob Vinschgau wohl überhaupt mit Venostes zusammenhänge (Meine Hervorhebung fett; dege) und nicht vielmehr unmittelbar aus dem lat. Adj. venustus = schön, lieblich geschöpft, das Tal also als Schönland bezeichnet sei. Venusta vallis wird den Romanen Val venosta und dieses venosta muß also nicht an die längst verschwundenen Venostes anknüpfen.

Die digitalisierten Quellen stehen in der Südtiroler Landesbibliothek F. Tessmann jedem offen unter digital.tessmann.it