TAG DER ERINNERUNG ODER TÖTEN NACH ETIKETT

1. Februar 2026

Der Tag der Erinnerung sollte der Gegenwart gelten, nicht der Vergangenheit.

Unter dem Schlagwort „Nie wieder“ ist der 27. Jänner als jährlicher Gedenktag an den so genannten Holocaust eingeführt worden. Was damit gemeint ist, bedarf keiner weiteren Ausführung, der Begriff wird ja mächtig propagiert. Die so Erinnerten richten ihr Augenmerk weit zurück in die Geschichte und ganz besonders auf einen Ort in Polen, der auf Deutsch Auschwitz heißt. Die vielbesuchten Reste des KZ von Auschwitz sind ein Mahnmal. Eine Stätte, die von einem leider ganz und gar menschlichen und überall vorkommenden Wahnsinn zeugt: Es ist jener Wahnsinn, der, wenn er übermächtig ist und schwer bewaffnet, die Menschen totschlägt und totschlägt und totschlägt. Immer dann, wenn Menschen ein bestimmtes Kennzeichen aufweisen, von dem die Befehlshabenden beschlossen haben, dass es ein zu vernichtendes Element sei (und z.B. ein Etikett als Kainsmal zu tragen haben, wie den Judenstern). Das Etikett geht mit der Zeit. In den 1930ern hieß es „Schädling“ bei den Braunen und „Abweichler“ bei den Roten. Heute steht auf dem Etikett „Terrorist“ oder „Leugner“. Es gilt die Kategorie, das Schema, die Doktrin, die Masse. Ob Krieg oder nicht spielt keine Rolle. Ganz gleich, ob der betroffene einzelne Mensch sich etwas zuschulden hat kommen lassen oder nicht: Jede Feme, jeder Massenmord, von klein bis gigantisch, ist eine Kapitalstrafe aufgrund von Etikett.

Der Totentanz um die Zahlen

Als die Menschen mit dem falschen Etikett auf der Stirn noch handwerklich umgebracht werden mussten, da hielten sich die Verluste im drei-bis vierstelligen Bereich. Etwa die „Bartholomäusnacht“ (Wikipedia: „ein Produkt der Ekstase“), also das  Massaker, welches das katholische Königshaus in Paris gegen die Hugenotten veranstaltet hat (1572). Mit fortgeschrittener Technik wurde das Töten leichter. Die Napoleonischen Kriege führten die Killerkraft als solche nahe an den industriellen Maßstab heran. Der Erste Weltkrieg durchbrach dann vollends die Grenze vom Tötungshandwerk zur Tötungsindustrie. Das ganze 20. Jahrhundert zählte die Opfer des Wahnsinns in Millionen, nicht mehr in Zehn- oder Hunderttausenden.

Zivilisten wurden zu Kriegszielen

Noch eine Grenze hat der Erste Weltkrieg eingerissen, die schon vorher arg löchrig war: die Unterscheidung zwischen Militär und Zivilisten. Seit Napoleon spricht man vom Krieg Volk gegen Volk, nicht mehr von Fürst X gegen König Y, welche ihre Kriege zwar blutig, aber doch mit gebotener Eigenschonung führten. Das Volk aber, das ist das Ganze und da geht man aufs Ganze. Winston Churchill hat das mit seinen Briten und der US-amerikanischen Luftüberlegenheit erbarmungslos im industriellen Maßstab vorgeführt: Millionen von Kindern, Frauen, Greisen verbrannt, zerschmettert, verdampft – Zivilisten in den Innenstädten von Köln, Hamburg, Berlin, Dresden, einfach überall. Den Holocaust kannte damals niemand, das konnte nicht der Grund für eine so barbarische und gewissenlose Hinrichtungswelle aufgrund von „Kollektivschuld“ gewesen sein. Der Grund, warum alle diese Menschen sterben mussten, war vielmehr ein stereotypes Etikett: sie waren Deutsche. Entschuldigung, ich vergesse: „Nazi“. Auch der drei Monate alte Säugling, der samt der Mutter auf dem Weg in den Luftschutzbunker von einer Phosphor-Brandbombe in seine Atome zerlegt wurde. Ethisch kein Problem. Es sind ja die Bösen.

Er- Innerung

Nein, das „Böse“ entschuldigt nicht alles. Das böse Handeln im Namen des Guten ist sehr wohl ein Problem, und zwar ein immerwährendes, und durch die heutige Technologie ein sich vielfach verschärfendes Problem. Schauen wir nach vorne und nach innen: Sind wir heute, im Jahr 2026, besser und unbefleckter als die (NS-)Deutschen, (Empire-)Briten, (Sowjet-)Russen, (Mao-)Chinesen und all die anderen Schlächter von früher? Nur, weil wir Kriege und Massaker chirurgischer führen können?

Wie halten wir es mit Gaza und all den Ländern und Menschen, die in der industriellen, high-tec Bombenwut umkommen, weil sie das Etikett „Terrorist“ tragen und arabisch aussehen? Das deutsche „Nie wieder“, verstanden im Sinn von „nie wieder Krieg“, überlebt sich vollends in unseren Tagen, wobei es eigentlich schon längst verspielt ist.

2024-03-25-GAZA

Nie wieder wird zu immer wieder

„Nie wieder“ als Schwur der jüdischen Weltgemeinschaft, sich nicht noch einmal derart wehrlos auf die Schlachtbank führen zu lassen, wie das die Europäer (immer schon) und zuletzt die Deutschen samt ihren Stiefelbrüdern in Vichy, Rom, Budapest, Warschau, Kiew, Sofia, Bukarest getan haben, dieses jüdische „Nie wieder“ ist absolut verständlich, gehört im Grundsatz befürwortet und kann so manche militärische Operation des Staates Israel rechtfertigen. Das gilt aber nicht mehr für all das, was die Israelis spätestens seit 2023 in Gaza und in ihrer weiteren Nachbarschaft angestellt haben und weiter anstellen. Das Prinzip „Nie wieder“ im Sinne der Selbstverteidigung durch Unbesiegbarkeit hat sich mit Gaza überdehnt und schon ins Gegenteil verkehrt, wie der 12-Tage-Krieg im Juni 2025 zeigt.

Etikett ist Todesurteil

Der Staat Israel tötet mit hoch spezialisierter Technologie und militärischer Übermacht Kinder, Frauen, Alte, Zivilisten, denn sie tragen alle ein Etikett, auf dem steht „Terrorist“ oder wahlweise „Hamas“. Das Etikett ist ihr Todesurteil. Kollektive Vernichtung ­– in der Sprache der Mörder: Vergeltung. So gesehen ist  Gaza wie Dresden wie Auschwitz. Da muss man nicht groß auf Nullen herumreiten in der Nie-Wieder-Welt. Vielmehr sollte man die Erinnerungsfixierten daran erinnern, dass ein so mörderisches Zuviel an „Nie wieder“ im Stile Israels die mitfühlende Erinnerung töten kann – was für das Judentum in der Welt eine existentiell gefährliche Sache ist.