(ETYMO) Kühner Klosterdenker bürstet Heimat auf keltisch und wird „vergessen“.
Sebastian Heinz wurde am 4. April 1815 in Völlan geboren, war ein hochbegabter Schüler, trat in den Benediktinerorden ein und empfing im Alter von 25 Jahren die Priesterweihe. Nach Studienjahren in Verona war er Professor für Italienisch und Philosophie am Meraner Rennweg, dann Verwalter im Stift Marienberg und für 27 lange Jahre der Seelsorger (Pfarrer) von St. Martin in Passeier. Die letzten zehn Jahre seines Lebens durfte er als Studiosus in seinem geliebten Kloster Marienberg bei Burgeis verbringen. In dieser Zeit reifte sein Buch „Das Celtenthum in Obervinschgau resp. im Gerichte Glurns“ heran. Es erschien im Jahr seines Todes 1895.
In diesem Buch vertritt und belegt Pater Sebastian die Wissenschaftshypothese, dass fast alle Ortsnamen im Obervinschgau nicht romanischen oder deutschen Ursprungs sind, sondern eindeutig aus den Sprachen der heute noch bestehenden keltischen Sprachen Europas erklärbar sind. Für diese sensationelle Annahme gab es für den Pater Senior, wie Sebastian im Kloster genannt wurde, keine tollen Schlagzeilen in der Presse. Ganz im Gegenteil. Zu Pater Sebastian wurde geschwiegen oder er wurde (nachträglich) klein gemacht. Der eigenwillige Geist hatte es sich zu sehr mit der Intellektuellen-Schickeria seiner Zeit vertan. Dem Star der Namenforschung und alpinen Etymologie, dem „Dr. Steub“, bescheinigte Pater Sebastian offen, mit den romanischen Deutungen auf dem Holzweg zu sein, wobei er Steubs „Bewunderer“ ausdrücklich mit einschloß. Ein freundlicher Nachruf im „Der Burggräfler“ zu Sebastians Todestag (27. Mai 1895) sprach dann auch leicht verschlüsselt von „offene Seele“ und „gerader Charakter“. Besonders vielsagend: „[huldigte] in Sachen der Politik mitunter eigenthümlichen Ansichten“. Sehr viel weniger freundlich zum Keltenforscher aus dem Kloster ist dann ein späterer Artikel im „Der Burggräfler“ aus dem Jahr 1901. Da geht es um einen archäologischen Fund in Mals – einen Votivstein mit schwer lesbaren Inschriften. Obwohl Pater Sebastian maßgeblich an der Entschlüsselung des Sprachrätsels beteiligt gewesen war, wird er nur mit dem Namen „Heinz“ in einem unwichtigen Nebensatz genannt.
Die mediale Ächtung des „Celtomanen“ Pater Sebastian hatte einen handfesten politischen Hintergrund. Auf dem Höhepunkt im Tiroler Nationalitätenkampf Deutsch gegen Italienisch behaupteten die italienischen Namensforscher, alles semantische Kulturgut südlich des Brenners käme aus dem Lateinisch-Römischen (um die Besitzansprüche Italiens zu bestärken), während die Deutschtiroler dagegen hielten und Vieles vom Tiroler Namen-Gut aus germanischen und geheimnisvollen vorrömischen Wurzeln erklärten. Da hatte eine keltische Generalthese natürlich überhaupt keinen Platz. Pater Sebastian landete zwischen den Stühlen. So war es auch dem wissenschaftlichen Vorbild von Pater Sebastian ergangen: Jacob Grimm hatte dem Franz Joseph Mone, ein anerkanntes Universalgenie aus Baden, glatten Verrat an Deutschland vorgeworfen, weil dieser die Kelten als Vorgänger der Deutschen sah und nicht die damals so gepriesenen „Germanen“.
Pater Sebastians Erkenntnisse und Ausführungen zu den Kelten in Europa und im Obervinschgau sind auch 130 Jahre nach dem Erscheinen seines einzigen Werkes von höchster Bedeutung (lesbar auf digital.tessmann.it; unter ‚Bücher‘ das Stichwort ‚Heinz AND Glurns‘ eingeben).
Damals wie heute treibt unser Pater Sebastian einen ordentlichen Keil in den Mainstream hinein. Damals wie heute ist sein Geistesblitz erhellend, wenn auch die Forschung im Einzelnen inzwischen zu anderen Ansichten gelangt ist. Im Bereich der Etymologie gibt es nämlich fast nur Ansichten und keine gesicherten Erkenntnisse. Oder nur Erkenntnisse mit geringerer oder höherer Wahrscheinlichkeit. Und da kann unser Keltomane Pater Sebastian glänzend mithalten. Dass er so gedisst und daher vergessen wurde, das hat sich „der Heinz“ nicht verdient. Eine neue Keltenrunde ist angesagt.
Benediktinerkloster Marienberg im Obervinschgau
In der nächsten Samstag-Folge von Etymo: Mehrsprachig ist normal.