Dem Glück nachhelfen („corriger la fortune“) auch mit Chemie, das ist unsere Kultur.
Wie es scheint, bekommt Südtirol einen zweiten spektakulären Dopingfall nach dem Geher aus Ratschings. Eine junge Frau aus der Biathlon-Hochburg Antholz ist angeblich positiv auf Letrozol getestet worden. Dieses Medikament macht den Frauenkörper männlicher, gibt mehr Kraft. Die Fankurve kann es nicht fassen. Es kann doch wohl nicht sein, dass eine 24jährige vor dem größten Ereignis ihres Sportlerlebens vor den Augen von Familie und Tal (Zitat) „alles auf die Dopingkarte“ setzt? Will sagen, wer bei Verstand ist, würde das Risiko nie eingehen.
Bei Olympia geht es aber nicht um Verstand. Olympia ist das, was im alten Rom das Kolosseum mit den mörderischen Gladiatorenkämpfen war. Höchster Ruhm im Angesicht des Cäsaren und der höchsten Gesellschaft, oder Vernichtung. Dazu das Adrenalin aus den Anfeuerungs- oder Buhrufen der Masse, dahinter die professionellen Gladiatoren-Trainer, geübt und erfahren im Geschäft, mit allerhand List und Mittelchen den Kampf für sich zu entscheiden. Der und heute die Gladiatorin hat ein nicht verhandelbares Ziel vor Augen: den einzigartigen Augenblick des Daumen-Hoch vor aller Welt, danach Ruhm, Ehre, Eintrag in die Annalen und ein Leben lang Schulterklopfen und Einladungen. Was würde man nicht alles dafür geben?
Wäre Olympia eine Laienveranstaltung unter betuchten Gentlemen aus London, Paris, New York, Berlin, Wien und Rom, wie es der Gründervater der Weltspiele (fünf Ringe, fünf Kontinente) gedacht hatte, wäre jedes Doping schlicht und einfach als unsportlich und eines Gentlemans nicht würdig angesehen worden – fertig.
Im Jahr 2026 aber ist Olympia Winters wie Sommers eine planetarische Kermesse des Profisports mit unendlich viel Geld* und Interessen im „im Spiel“. Man muss sich nur den von Sponsoren übersäten Dress der fraglichen Athletin anschauen. Und genau dieses Momentum produziert Versteckspiel. Was so alles hinter den Kulissen der Kontrolleure abläuft, hat uns der Fall des Südtiroler Gehers ahnen lassen. Hier mit der richtigen Chemie dem Glück auf stärkere Beine zu helfen, ist mehr als nur eine Versuchung.
Nicht zuletzt auch deswegen, weil in der industriellen Leistungsgesellschaft, welches die Olympischen Spiele exakt widerspiegeln, das „Doping“ zur Regel, zur Praxis, ja zur Doktrin gehört. Man kann nicht auf der einen Seite Geschlechtsumwandlungen und Schönheits-Ops und Antibabypillen und Psychopharmaka und Partydrogen und generell alle chemischen Mittel, die Genuss auf künstliche Art steigern, das Leben verlängern, die Lebensmittel vermehren und haltbar machen, als gut oder normal ansehen, und dann, auf der höchsten Repräsentanz unserer Kultur, so tun, als ob die sich ständig steigernden Spitzenleistungen im Sport nur eine Frage der naturgegeben Leibesverfassung und des harten Trainings wären.
Ehrlicher wäre es, chemisches Doping zu- und den Gentleman und die Gentlefrau fahren zu lassen. Aber Ehrlichkeit ist keine Kategorie im Spitzenfeld der Gesellschaft.
Titelbild – Bildnachweis: (Diliff, Colosseum in Rome, Italy – April 2007, CC BY-SA 2.5, Wikimedia)
Fussnote
*) Il Fatto Quotidiano 03-02-2026:
IL DOSSIER OLIMPIADI – A tre giorni dal via, Italia già medaglia d’oro per spese e ritardi: se ne andranno 2 mld per le gare, più 5 per le infrastrutture quasi tutte da finire
Man lese: Sieben Milliarden Euro kosten die Olympischen Winterspiele Milano-Cortina 2026