NATURNS IST LATURNS

31. Januar 2026

(ETYMO) Sind die Naturnser alles Ladurn(s)er?

Naturns, eine uralte Siedlung, ist heute die touristische Hochburg im unteren Vinschgau an der Bezirksgrenze zum Burggrafenamt (Meran/Schloss Tirol). Der Ursprung des Ortsnamens sei im romanischen Wort «nocturnes» zu finden, was so viel wie Nachtlager bedeutet. Diese Deutung stammt wahrscheinlich von gelehrten Patres wie Josef Thaler, die im 19. Jahrhundert die Südtiroler Ortsnamen bevorzugt auf römisch-/lateinische oder allgemein romanische Wurzeln zurück- «gedichtet» haben. Die Lateiner in der Ortsnamenforschung sind bis heute vorherrschend (ich nenne sie Romanisten).

Mehr als diese bemühte Erklärung sagt uns eine volkstümliche Erzählung von Carl Wolf aus 1890. Im Dialekt erzählt Wolf vom Brunnenwirt in – haltet Euch fest – «Lagund»! Es ist dies der alte, volkstümliche Name für Algund. (So ganz falsch lag der böse Tolomei also nicht.)

Es kommt noch besser! Der Brunnenwirt hat sich bei den Kaffeesiedern in «Marun» (Meran) das richtige Benehmen gegenüber Gästen abgeschaut und frohlockt nach geglückter Schulung im eigenen Haus: «’S ist kuan zwoate Wirthin von Laturns bis Burgstoll, wia i oane hon».

Hat er gerade «Laturns» für Naturns gesagt? Ja! Wie kommt denn Naturns zu «Laturns»? In der Nähe des Ortes liegt der Ladurn-Hof. Von dem haben die zahlreichen Ladurner in Meran ihren Familiennamen her, sagt man. Offensichtlich ist dieser Bauernhof am Schnalser Sonnenberg allein nicht so fruchtbar gewesen. Es ist ein ganzes Dorf, das die Ladurner hervorgebracht hat. Denn nach natürlicher Auffassung – so wie es die Familiennamen Telfser, Trentin oder Meraner gibt – heißt ein Ladurner so, weil er aus Ladurns oder Laturns kommt, ein Naturnser also.

Als ich 14jährig eine Schulfreundin fragte, woher ihr Name Ladurner käme, meinte sie, der sei französisch, von «La Tour» (sie hatte es mit den Pferden und den Nöblen). In der Tat ist es verlockend, in «durn» das Wort «turris», lateinisch für Turm, zu sehen. Hat Naturns doch einen markanten «Turn», eine Burg, eine La Tour.

Die Keltenspur

Doch bevor wir in die noble Ferne schweifen, schauen wir uns den Dissidenten der Ortsnamen-Deutung an – der, der die Romanisten alt ausschauen lässt – und das ist der Pfarrer und Benediktinerpater Sebastian Heinz. Er führt die Namen im Vinschgau konsequent auf die vorrömische Sprachschicht zurück.

Seiner wissenschaftlichen Hypothese zufolge waren die Rhäter Kelten, denn die meisten Orts- und Flurnamen im erzromanischen Obervinschgau können leicht aus den heute noch bekannten keltischen Sprachen irisch, gälisch und bretonisch abgeleitet werden. In seinem Buch «Das Celtenthum in Obervinschgau resp. im Gerichte Glurns» (Verlag Auer, Bozen, 1895), vertritt Pater Sebastian seine These ziemlich überzeugend bis ins letzte Detail.

Pater Sebastian Heinz, Celtenthum, Seite 139: «Ladurner, vom Hofe Ladurn am Eingang in Schnals oder bei Brixen oder in Lana, i. [irisch] lu oder la = klein, tuar, Dem. tuaran = Wohnung. Liegt jedoch Ladurn an einem Wasserbach, so stammt der Name aus i. [irisch] lua = Wasser und i. [irisch] tuaran = Häuschen.»

Der Wikipedia-Eintrag zu Naturns sagt: „kann eine wohl eisenzeitliche Nutzung der strategisch gut gelegenen Geländestufen vermutet werden. Interessant ist vor allem der Zusammenhang mit einer Richtung Inneres Schnalstal gelegenen Felskuppe (lokal „Bürgele“, „Kleine Burg“, genannt).

Deckt sich mit Pater Sebastian. Vielleicht liegt die Wahrheit ja in der Mitte, zwischen Häuschen und Turm. In einem Nachtlager sicher nicht.

*) Ausschnitt aus: «Der Burggräfler: Bilder aus dem Volksleben» von Carl Wolf, 178 S., illustriert. Verlag Wagner Innsbruck, 1890. Bildquelle: digital.tessmann.it