MOGNZUGGERLEN UND ZIRELEN

16. Januar 2026

Die roten Zuckerwürfel sind altösterreichisches Kulturerbe.

In ihnen lebt die k.u.k. Monarchie der Habsburger mit ihrer die Sprachen und Nationen übergreifenden Kultur fort: die rot gefärbten, traditionell mit Zimt und Gewürznelken aromatisierten Zuckerwürfel. In Deutschtirol werden sie „Mognzuggerlen“ genannt, im italienischen Tirol sind es die „Zirele“.

Dabei ist die Geschichte ihrer Entstehung das Beste von allem. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts haben die Deutschen die Zuckerherstellung aus Rüben erfunden und daraus eine Industrie und politische Machtstellung gewonnen („Der Zucker von Magdeburg“ erscheint demnächst auf dekas.blog). Zucker wurde damals in Kegelform verkauft, daher „Zuckerhut“.

Juliane, die Frau von Jacob Rad, Direktor einer böhmischen Zuckerfabrik, hatte sich einmal beim Köpfen eines solchen Zuckerhutes in den Finger geschnitten, so dass der Zucker sich rot färbte (Geschichte unten in der Fussnote). Aus Liebe zu seiner Frau begann der Direktor, den Zucker in handlichen Würfeln herzustellen, was ein voller Erfolg wurde.

Zum Andenken an den „merk“-würdigen Anlass ließ Herr Rad ein paar Würfel rot einfärben und schenkte sie seiner Gattin als Bonbons (österreichisch/tirolisch: Zuckerlen/Zuggerlen). Ob Direktor Rad oder andere auf die Idee gekommen sind, die roten Zuckerwürfel mit den vielfach gebrauchten Magenbittern zu „impfen“, bleibt offen. Tatsache ist, dass Zimt und Gewürznelken eine kinderverträgliche Wohltat für den Magen sind und gut duften.

Mit dem Zusatz an Heilgewürzen wurden die roten Zuckerbonbons aus Böhmen schnell zum „Mognzuggerle“ (Magenzucker) – geliebt und begehrt von allen Kindern, aber nicht weniger von den Erwachsenen, die sie als festen, nichtflüssigen „Digestif“ und Kraftspender (z.B. auf Bergtouren) schätzten. Weil auch der „Nusseler“, unser Südtiroler Walnuss-Schnaps, ein Digestif ist, gehören nach altem Brauch etliche rote Mognzuggerlen hinein.

In Tirol waren die magenwirksamen Stoffe der Zirbe immer schon populär. Und so wurde nicht nur Zirbenschnaps gemacht, sondern die ätherischen Öle der Zirbe auch den roten Zuckerwürfeln zugesetzt. Deswegen heißen die Mognzuggerlen im Trentino heute noch auf gut tirolerisch „Zirele“ (Zire für Zirbe, -le als Koseform wie Zuggerle).  Tipp an Damiano: Eine Herleitung aus „Zirela“, was im Trentiner Dialekt eine Laufwanne zum Ziehen von Holzstämmen ist, wäre unsinnig. Irreführend ist auch die italienische Bezeichnung „Cirelle“ für den Mogenzucker (Fa. Walde).

Während die verlorene Landeseinheit Tirols eine Tatsache ist und das geeinte, übernationale Europa ein Traum bleibt, ist die Erinnerung an unser gemeinsames Mitteleuropa im Gusto lebendig wie eh und je.

* (Aus Wikipedia „Zucker“)

1840: Jacob Christoph Rad (Direktor der Datschitzer Zuckerraffinerie in Böhmen), erfindet den ersten Würfelzucker, weil seine Frau Juliane sich beim Herausbrechen aus den vorher üblichen Zuckerhüten den Finger verletzt hatte und ihren Mann daraufhin bat, gleich kleinere Zucker-Portionen herzustellen. Rad erfand die Würfelzuckerpresse und stellte den ersten Würfelzucker her. Die ersten, mit Lebensmittelfarbe rot eingefärbten Zuckerwürfel schenkte er seiner Frau zur Erinnerung an den Vorfall. Frau Rad hatte die blutbespritzten Zuckerstücke dennoch ihren Gästen angeboten, da Zucker damals sehr wertvoll war.