MEHRSPRACHIGKEIT IST NORMAL

24. Januar 2026

(ETYMO) Ortsnamen entstehen unterschiedlich, bestehen nebeneinander, werden getrennt verwendet. Wie „Postal“.

Streife mit dem Finger über die Kompass-Wanderkarte für das Meraner Gebiet und finde neben den vertrauten deutschen Ortsnamen immer wieder wunderlich klingende Wörter drauf. Dabei habe ich bisher gar nicht darauf geachtet, dass bei den größeren Orten, Bergen und Bächen immer auch die italienische Benennung mit dran steht. Sie ist die jüngste und die amtliche. Diese formale Zweisprachigkeit ist in Anwendung und Gebrauch strikt getrennt. Keinem Südtiroler würde es einfallen, nach Avelengo zu wandern, und einem Bundesdeutschen nur, wenn er völlig unbeleckt ist von der Wesensart dieses Landes. Für Italiener, hiesige oder fremde, gibt es nur das Avelengo und niemals ein Hafling, obwohl sie erst seit 1920 den Ton angeben.

Wandert der Finger hinüber nach Gröden/Ghërdeina/Gardena, wird aus der Zwei- sogar eine Dreisprachigkeit. Und weil Englisch heute Weltsprache ist, bekommen die wichtigsten Orte unseres Landes zusätzlich eine englische Benennung – die den aufoktroyierten italienischen Kunstnamen folgt. Das gewachsene Deutsch und Ladinische geraten buchstäblich zu darunter liegenden Sprachzuständen, die mit der Zeit verschwinden oder nur mehr für Forscher interessant sind.

Und so fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Natürlich hat es diese Sprach-Schichtungen immer schon gegeben. Nicht nur die Schichtungen – auch den getrennten Gebrauch. Je nachdem, ob der Staat spricht oder ein Gast oder ein Ureinwohner. Das mag um 2000 v. Chr. so gewesen sein wie im Jahr Null oder im Jahr 1000 AD. Rangordnungen einschließlich Parallelität und Unterordnungen wie auf der Wanderkarte aus dem Jahr 2025.

Mehrsprachigkeit ist normal in der Geschichte der Ortsnamen. Als Sprach-Rätsler muss ich mich bei Ortsnamen nicht entweder-oder entscheiden, ob ein Name keltisch, romanisch, deutsch oder sonst was ist.  Beispiel: Vipitenum, Sterzing, Vipiteno sind unterschiedlich entstanden, haben ihre jeweilige Kulturbeziehung (Identität) und werden nebeneinander her verwendet.

Wenn man dann sieht, wie geschickt der Sprach-Imperialist Senatore Ettore Tolomei die Südtiroler Ortsnamen ins Italienische gedreht hat, indem er vielfach auf durchaus vorhandene romanische Wurzeln zurückgriff, während er deutsche Namen wortwörtlich übersetzte und wieder andere mit reiner Phantasie und Lautmalerei* schuf, dann bekommen wir eine lebendige Vorstellung vom Menschen als „zoon semantikon“, das Zeichen setzende Lebewesen.

 

P.S.

Übrigens: Der kleine Ort Burgstall bei Meran, amtlich-italienisch Postal, ist einer der wenigen natürlich gewachsenen italienischen Ortsnamen in Südtirol. Die Etschregulierung, der Eisenbahnbau, die Urbarmachung der Auen, die Schutzwälle der Bergbäche: alles wurde unter Österreich zwischen 1830 und 1914 gebaut. Ausgeführt von „wälschen“ Arbeitern, wie man damals sagte. Das waren Männer hauptsächlich vom Nons- und Sulzberg, vom Fleims- und Fassatal, dem Suganer- und Lagertal usw., aber auch Furlaner sowie slawisch sprechende Krainer und Kroaten. Sie und ihre Familien siedelten sich bevorzugt nahe und längs der Bahnstrecke in Gargazon und Burgstall an. Das deutsche Burgstall wurde so lautmalerisch auf natürliche Weise zu Postal, Po = Burg und stal = Stall.