LATEIN KEIN GENERALSCHLÜSSEL

15. November 2025

(Etymo) Sind die Südtiroler Ortsnamen romanischen Ursprungs?

Fast zweihundert Jahre Sprachwissenschaft haben aufgedeckt, dass viele der Südtiroler Orts- und Landschaftsnamen romanischen Ursprungs sind. Romanisch bezeichnet eine dem Latein der Römer ähnliche Sprache der Alpenbewohner, die sich in den rund 500 Jahren Zugehörigkeit zum Imperium Romanum als Verkehrssprache herausgebildet hat. Ähnlich dem, was Dolomitenbewohner und Graubündner noch heute sprechen.

Zudem glauben viele Namensforscher, dass die von -15 bis +476 herrschenden Römer von sich aus Orten Namen gegeben haben. Ein Beispiel wäre Eppan von Appianum gleich Weingut des Appian. Oder Mais aus „Castrum Majense“, das in der römischen Militär- und Verwaltungssprache so viel bedeutet wie größere oder weiter oben liegende Festung.

Die „Romanisten“ unter den Namensforschern und deren Deutungen überschätzen das Gewicht der Obrigkeitssprache und unterschätzen die Resilienz der Graswurzelsprache. Das Latein ist kein Generalschlüssel.

Die meisten romanischen Ortsnamen sind lediglich romanisierte Fassungen der Namen aus den Sprachen von Völkern, die Hunderte und Tausende von Jahren vor den lateinischen Herren hier zuhause waren. Nach dem militärischen Feldzug des Augustus (-15) ist es in den nunmehr militärisch kontrollierten Gebieten des Alpenraums ungefähr so gewesen wie 1920 in Südtirol. Der eitle „Eroberer“ Tolomei hängte Ortsnamen ein „o“ an und schon waren sie italienisch. Wo das nicht reichte, versuchte er eine wörtliche Übersetzung, oft mit drolliger Wirkung.

Nun waren die Römer vom Jahre Null keine so emsigen Nationalisten, dass sie jedes kleine Örtchen latinisiert hätten. Somit bleibt neben der Annahme „romanisch“ noch jede Menge Spielraum, um Südtiroler Ortsnamen aus anderen und tiefer liegenden Sprachschichten heraus zu rekonstruieren.

(In der nächsten Folge von Etymo: Die keltische Spur)