Technokraten wollen die Geburten industrialisieren. Heftiger Widerstand am Land. Ein Storch-Heli könnte helfen.
Was aus dem Kampf um die Schließung der Geburtenabteilungen von Innichen und Sterzing zu lernen ist.
Die Meldung vom bevorstehenden Aus für die Geburtenabteilung am Sterzinger Spital hat im Volk eindeutigen Widerhall gefunden. Am kürzesten zusammengefasst in #stockerexit. Schauen wir uns die Gründe an, welche die Entscheider ins Feld führen, um ihren Entschluss zu rechtfertigen. Sie sagen, es gibt da eine Vorgabe aus Rom. Soundsoviel medizinisches Personal, soundsoviel Geburten pro Jahr. Sie sagen: Wir finden das Personal nicht. Sie sagen: Wer drunter liegt, haftet. Sie sagen: Sterzing hat zu wenig Geburten. Sie sagen: Alles viel zu teuer. Sie sagen: Das nächste Spital ist nur 43 Autobahnkilometer weg. Sie sagen: Dort bauen wir eine Geburtenstation auf, die den neuen Sicherheitsnormen entspricht. Sie sagen: So sparen wir Geld. Sie sagen: Eine Geburtenstation muss höchsten medizinischen Standards genügen. Sie sagen: Das können wir nicht an allen sieben Spitälern haben. Sie sagen: Wir müssen die Geburtenabteilungen in Innichen und Sterzing schließen.
Olympische Standards
In diesem Konzept sind eine staatliche und eine medizinische Norm der Dreh- und Angelpunkt. Zur staatlichen Vorgabe aus Rom kommt etwas Hausgemachtes hinzu. Zwei Starmediziner, Christian Marth vom Uniklinikum Innsbruck und Hubert Messner vom Regionalkrankenhaus Bozen, haben Martha Stocker und Arno Kompatscher für die Anwendung der technisch höchstmöglichen Standards bei Schwangerschaft und Geburt gewonnen. Nicht hoher Standards, nein, höchstmöglicher, so wie sie in einer Uniklinik von Weltrang (Marth) und bei einem Spezialisten für Neonatologie (Messner) eben gelten.
High-Tech-Geburten
Die Leitidee der beiden Spezialisten und der beiden Gesetzgeber ist, dass von der Empfängnis bis zur Entlassung der Wöchnerin jedes Risiko beherrschbar sein muss. Jede unerwartete Komplikation muss innerhalb von fünf Minuten behebbar sein. Dazu braucht es eine Ballung der allerbesten Spezialisten und es braucht Geburten wie am Fließband. Das wiederum sei nur in wenigen, großen Zentren erreichbar, und dahin zu kommen, sei mit der Mobilität von heute überhaupt kein Problem, sagen die Befürworter der High-Tech-Geburt.
Triumph der Technokraten
Das geografische Ausdünnen und die organisatorische Zentralisierung der Geburtenstationen sind die logische Folge dieses Denkens. Am grünen Tisch im Kreis von Spitzenmedizinern, Versicherungsanwälten und Klinik-Managern ausgehandelt, sind das die neuen Methoden und Maßstäbe in der Gesundheitspolitik Südtirols, und das nicht nur bei den Geburtsabteilungen. Es ist ein zentralistischer und technokratischer Ansatz.
Bezeichnend für diese Gesundheitspolitik ist, dass die Geburt eines Menschen, seit mindestens einer Million Jahren der natürlichste Vorgang der Welt, aus der medizinischen Grundversorgung herausgenommen und in die hoch spezialisierte Spitzenmedizin eingereiht wird. Wohl um dem Gebärverhalten und den Wertvorstellungen der neuen (biologisch alten) Mütter zu entsprechen, die erst im Risikoalter gerade noch ein einziges Kind bekommen wollen.
Politik darf nicht Lehrbub sein
Dass Anwälte, Ärzte und Manager ihre Ziele verfolgen, weil sie als Spezialisten nur ihr eigenes Gebiet beachten, ist nachvollziehbar. Etwas ganz anderes ist es, wenn vom Volk gewählte Leute (gleich ob in Rom oder Bozen) die Maßstäbe der Spezialisten 1:1 übernehmen und dabei ihre ureigene Aufgabe als Treuhänder des Gemeinwohls und als Mittler gar nicht oder zu wenig wahrnehmen, so wie das in der Frage der Geburtenstationen der Fall ist.
Reihenweise Gegenargumente
Gegen das Konzept der amtierenden Technokraten gibt es reihenweise gute Gründe. Die haben mit Kirchturmdenken und Besitzstandswahrung wenig zu tun (so lautet das Totschlag-Argument). Da geht es um vielschichtige Fragen. Von der jungen Mutter, die aus Familiengründen eine sehr nahe und beständige Betreuung vor Ort braucht, über die volkswirtschaftliche Allokation von öffentlichen Mitteln bis hin zur Kultur, dem Gespür und der Mentalität der ganz normalen, aber auch der etwas gebildeteren und etwas wählerischen Bürger. Der Zwist um die Geburtenstationen geht allein auf die Rechnung unserer starren, ausschließlich von der Politik beherrschten und nur mit zentralen Gesetzen gelenkten staatlichen Sanitätsmaschine.
Gegenentwurf Storch-Heli
Ein gemeinnütziges, autonomes Südtiroler Gesundheitswesen könnte gerne in der Mitte des Landes, also in Brixen, ein großes, hochspezialisiertes, neues Geburtenklinikum einrichten – aber nur dieses einzige, mit einem superschnellen Helikopter-Storch für alle Mamis des Landes, die sich eine High-tech-Entbindung wünschen. Überall sonst gäbe es die gewohnten Geburtshilfen mit dem Heli in Bereitschaft, aber ohne die astronomischen Formal-Auflagen: und zwar vom Reschen bis Winnebach. Das würde Grundversorgung und Spitzenmedizin in einem bedeuten.
Kleine feine Krankenhäuser sind top-begehrt
Die Nutzerzahlen sprechen seit jeher für ein solches dezentrales Konzept. Denn trotz Spitzenmedizin und trotz neuen Gebärverhaltens gehen die meisten Frauen zu ihrer Niederkunft nach wie vor in das nächst gelegene Spital. Beim Wechsel in ferner oder fern gelegene Stätten ging die Tendenz eher dahin, sich jenes Krankenhaus auszusuchen, in dem Service, Freundlichkeit und die individuelle Betreuung gut sind, bei gegebener medizinischer Grundqualität natürlich. Dieser Trend hat immer die kleineren deutschen Krankenhäuser in Südtirol belohnt, am meisten jene, die jetzt geschlossen werden, Sterzing und Innichen.
Fast keine Frau geht von sich aus „für alle Fälle“ in ein Superzentrum mit Oberspezialisten mit Geburten im Stundentakt. Für jene Mütter, die dies wollen oder es notwendig brauchen, gibt es bereits die Möglichkeit dazu, in Bozen, Innsbruck, Verona usw. Hier ist die Mobilität mit dem Storch-Heli wirklich kein Problem. Und sie betrifft nur wenige.
Landesregierung lässt die Römer schaffen
Das technokratische Konzept der Regierung Kompatscher hingegen würde die übergroße Mehrheit zu ständigen und langen Fahrten mit eigenen Mitteln zwingen. Anstatt diese Gründe anzuerkennen und für ihre Anwendung die Autonomie voll auszureizen oder auszubauen, geht die autonome Südtiroler Landesverwaltung den entgegengesetzten Weg und hält sich streng an die abstrakte römische Leitlinie.
Unsere Welschtiroler Nachbarn haben die Römer zur Einsicht gebracht, dass diese Norm für die nördlichen Berggebiete völlig „daneben“ ist. Die Folge, sie bekommen mit Cles und Cavalese zwei der üblichen Geburtenstationen zurück.
Und die Römer haben bewiesen, dass man mit ihnen reden kann, dass sie auch pragmatisch sein können. Die Südtiroler Landesverwaltung scheint diese Chance nicht nutzen zu wollen. Ein Geldproblem kann es nicht sein. Der Landeshaushalt wirft mehr Geld ab als je zuvor. Es muss wohl eine technokratische Hybris sein, von der die Administration Kompatscher verhext zu sein scheint.
(dege)
Note
Dieser Artikel von Georg Dekas erschien erstmals auf dekas.it im Zusammenhang mit der (später gescheiterten) Spar-Reform des Südtiroler Sanitätsbetriebes durch die erste Administration Kompatscher und wird hier auf dekas.blog mit dem historischen Datum neu aufgelegt.
BILD Der gute alte Storch bringt die Kinder (c) dege