GLÄNZENDES MARLING

20. Dezember 2025

(Etymo) Die geheimnisvollen Ursprünge des Ortsnamens Marling

Die römischen Spuren in den Ortsnamen des Etschtals sind breit und ausgefahren (siehe vorige Etymo.Folge), dahinter aber stecken viel ältere, eben auch keltische Spuren und Ursprünge. Ein besonders reizvoller Fall ist Marling.

Das Wort Marling hat diese typisch bairische Endung auf „-ing“ (vgl. Erding, Freising). Damit rückt es in die Reihe der wenigen „-ing“ in Südtirol wie Sterzing, Hafling, Afing und älterer Sprachformen wie Sining, Terling, Basling, u. a. Die Sprachforscher meinen, dass das volkstümliche „-ing“ den genannten Ortsnamen in den tausend Jahren bairisch-deutscher Zeit aufgepfropft wurde. Der tiefer liegende sprachliche Ursprung sei ein anderer. So wenden wir uns dem Wortstamm MAR zu. Diesen hat Marling mit einigen Südtiroler Ortschaften gemeinsam, besonders wenn man die Varianten Mer-, Mel-, Mal-, einbezieht (Meran, Meransen, Mareit, Margreit, Marein, Mellaun, Melag, Mals, Melten).

Dieses „Mar“ ist ein ganz spannendes Ding. Es kann gut aus einer jener uralten, nicht-indogermanischen Sprachen Südtirols stammen, die wir summarisch als „rätisch“ bezeichnen. Aber das „Mar“ hat ebenfalls eine feste Verankerung in den indogermanischen Sprachfamilien, keltisch, romanisch und germanisch.

Die Heimatkundler von Marling haben in ihrem Dorfbuch zumindest das übliche Römer-Schema gebrochen und den Wortstamm MAR auf den germanischen (langobardischen) Personennamen „Marinu“ gebogen. Mich überzeugt ein Langobarde im Marine-Kostüm weniger. Auch möchte ich nicht alles Mar, Mer und Mel auf das römische Major dekliniert wissen. Ich stehe auf Marmor.

Ja, Marling hat mit Marmor zu tun. Ein hell leuchtender, weißer Felsblock steht am Marlinger Waal mitten in einem Weinberg hinter der Schickenburg. Ein Findling, aber kein Zufall. Hoch droben am Marlinger Berg wurde seit ewigen Zeiten Marmor gebrochen. Das „Mar“ in Marling ist das „Mar“ von Marmor. Was sagt mein geschätzter Ottorino Pianigiani zum „marmo“? :  „creduto affine al gr. marmàreos splendente…da una radice MAR-, che ha il senso di luccicare, brillare … mentre il Pictet congiunge al scr. mrn-maru propr. terra, pietra, macigno”… (Dizionario Etimologico, 1907.) Marmor bedeutet glänzender Stein. Marling ist tatsächlich ein glänzender Markstein über dem Talgrund der Etsch genau dort, wo sich große Wege aus drei Himmelsrichtungen kreuzen. Die historischen Namensformen von Marling waren viele, aber alle haben diesen Bedeutungskern gewahrt (Marnea, Marenga, usw.)

(In der nächsten Folge von Etymo: Das alemannische Algund.)