FRAGEZEICHEN GEMEINSCHAFTSHAUS

26. November 2025

Die neueste Erfindung der Sanität: „Gemeinschaftshäuser“. Hausärzte haben arge Bedenken.

Es ist eine italienische Erfindung. Neben Krankenhäusern, Hausärzten und Sprengeln soll es jetzt auch „Gemeinschaftshäuser“ geben. Im „Gemeinschaftshaus“ soll Gesundheitspflege nach persönlichem Profil von allen Seiten her erfolgen. Ein Kranz von Profis und eine gemeinsame Datenlage soll dem Patienten einen „percorso assistito“, also eine permanente und personalisierte Gesundheitsbegleitung gewährleisten. Die enstprechenden Theoriepapiere der Gesundheitsbeamten lesen sich wie Gebrauchslyrik. Bei Dichtung und Sage wäre es ja auch geblieben, wenn nicht Brüssel sein Pumpgeld ausgeworfen hätte, das in Italien PNRR genannt wird. Ein Euro-Milliardenregen, mit dem auf Teufel komm raus gebaut werden kann. Ja, gebaut. Bevor das fantasiöse Therapiekonzept erprobt ist, müssen schon einmal die Mauern her, sehr zum Nutzen der Bauwirtschaft und vielleicht auch zum Ruhme von Partei und Politiker.

Schon zu Anfang, als die PNRR-Geburt der Gemeinschaftshäuser (warum nur erinnert das Wort so sehr an Laufhäuser?) ihren Weg in die Jubelpresse fand, hörte man im Hintergrund sagen: Ja, von wo soll denn das ganze Personal herkommen? Der technokratisch orientierte Landesrat hat dafür einen Hebel gefunden. Da der ganze Gesundheitsapparat Südtirols der Politik unterstellt ist, kann er schalten und walten: Die Hausärzte sollen zu Angestellten des Betriebes werden und Präsenzdienst in den Gemeinschaftshäusern ableisten.

Während in Meran auf der Straßenseite gegenüber dem hocheffizienten Krankenhaus die Bagger kreisen, sagen uns die Hausärzte, dass sie bei dieser Aktion überfahren werden und dass ihre wirklich wohnortnahe und auf den einzelnen Menschen ausgerichtete Betreuung zugunsten einer ungewissen Neuordnung auf der Kippe steht.

Ein Lob der Ärztekammerpräsidentin Dr. Astrid Marsoner und weiteren Docs (vor allem Frauen!). Sie weisen instinktsicher auf die Schwächen des neuen pharaonischen Vorhabens der Gesundheitspolitik hin. Für den kritischen Beobachter und potentiellen Patienten stellt sich wirklich die Frage, ob bei all den Überlastungen des Systems ein zusätzliches Rad nicht noch mehr Schwierigkeiten und Unsicherheiten bringt, als eine fachgerechte Revision der bestehenden und bewährten Maschine. Das Wohl der Hausärzte ist in diesem Fall auch das Wohl der Patienten.

TITELBILD

Digitales Rendering des neuen Gemeinschaftshauses in Meran von der Webseite sabes.it

ZITAT

In einem Leserbrief an die „Dolomiten“ schreibt Hausärztin Dr. med. univ. P. Visani (Latsch) heute:

„Es braucht Gemeinschaftspraxen, Zusammenarbeit mit anderen Hausärzten und Krankenhausärzten, denn wo dies gut funktioniert, lässt es sich gut arbeiten […] Stattdessen werden uns neue Portale zum Eingeben von Daten aufgezwungen […] Wir werden in den Gesundheitshäusern Dienste machen „müssen“, um die Praxisspesen zu decken und werden dort Menschen berteuen, die wir nicht kennen, wo doch genau darin unsere Stärke liegt.“