Roms Erhebung des Christentums zur Staatsreligion hat die „Sankt“-Namen beschert.
Eine große Besonderheit in der Südtiroler Ortsnamengebung ist im römischen Personenkult begründet – zuerst heidnisch, dann christlich – der bei uns am klarsten in den Sankt-Ortsnamen gegeben ist. Die vermuteten Ursprünge wie Lanan von Leon oder Eppan von Appian, Baslan von Basilius etc., etc. sind dabei nur das Vorfeld. Der römische Personenkult hat durch die römische Staatsreligion nicht in der Menge, aber an der Spitze der Ortsnamengebung zugeschlagen.
Das von den beiden Kaisern Gratian und Theodosius im Jahr 380 erlassene Reichsgesetz Cunctos populos beendete die Religionsfreiheit und verfügte, dass es im ganzen Imperium Romanum nur mehr einen einzigen Kultus geben dürfe, und zwar die des trinitarischen Christentums. Die Erhebung zur Staatsreligion setzte eine beispiellose Kulturrevolution von oben nach unten in Gang. Diese durch und durch machtpolitische „Christianisierung“ des Reiches stand der ebenfalls uniformierenden französisch-napoleonischen Revolution von 1789-1814 um nichts nach (Einführung des Code Civil und des Meters). Hatten den Städten vorher nur Götter (Saturnia) und Cäsaren (Augsburg) ihre Namen gegeben, so wurden ab 380 Hunderte von Heiligen und Märtyrern der neuen Staatsreligion auf die alten heidnischen Ortsnamen drauf gesetzt. Das erfolgte in einem von der Staatsgewalt beseelten Einheits- und Kontrollwahn, der dem der tolomeischen Flurbereinigung der Südtiroler Namen im Faschismus grundsätzlich vergleichbar ist. Ob Antike oder Moderne: die Vereinheitlichung wurde als Fortschritt wahrgenommen und blieb.
Im Alpenraum dürfen wir die römisch-christliche Kulturrevolution an den unzähligen Kapellen, Bergkirchen, kleineren und größeren Ortschaften mit „Sankt“-Namen und den großen „Sankt“-Kirchen bestaunen. Unser Vinschgau und Burggrafenamt, Bozen und Überetsch bilden ein geradezu idealtypisches Beobachtungsfeld für diese Kulturrevolution, die insgesamt dem römischen Personenkult zuzuordnen ist.
Wir haben eine älteste Schicht mit Stätten und Bauwerken, die sonderbare und längst ausgestorbene Namen tragen wie Medardus oder Sisinius. Das sind die ersten Heiligen der noch jungen römischen Staatskirche und sie kommen nicht selten aus dem Orient, aus Afrika und Süditalien, den frühen Blütestätten des Glaubens an Jesus Christus.
Die nächste Schicht bilden die deutschen christlichen Heiligen, die mit großer zeitlicher Verzögerung um das Jahr 1000 herum gesetzt werden. Darunter fallen die schon genannte St. Gertraud oder St. Leonhard. Dazwischen gibt es noch eine höchst interessante keltisch-irische Strömung, auf die wir in ETYMO gesondert eingehen werden.
Die dritte Schicht der christlichen Namensgebung fällt in die Zeit der Gegenreformation (Barock), wo Kirchen neu benannt werden, und zwar mit eher abstrakt-intellektuellen Konzeptnamen wie Maria Heimsuchung, Empfängnis, Himmelfahrt oder Zum Heiligen Geist oder Herz Jesu.
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