Jedem Tal sein Spital? Jawohl. Ist Südtirol autonom oder nicht? Unser Land braucht Kinder.
Falsche Prämissen
Es ist an sich schon sehr gewagt, Einsparungen in der Sanität zu planen, wenn die Gesellschaft dramatisch veraltet und die Gänge zum Doktor exponentiell zunehmen. Das Spar-Axiom in der Sanität Südtirols hat Kompatscher von Durnwalder übernommen – entweder über sachfremde Berater und duckmäuserisches Personal oder ohne selber groß nachzudenken.
Brennglas Geburtenstationen
In der Folge des Spar-Axioms geht in Südtirol schon seit Jahren das Gespenst der Schließung der Talschafts-Krankenhäuser um. Die Ankündigungen der Landesbehörden zu den Geburtenstationen im Juni 2014 hat aus dem Schwelbrand im Nu einen Flächenbrand gemacht – in Sterzing sogar mit Fackelzügen und Spießrutenlaufen gegen die neue Gesundheitslandesrätin Martha Stocker (SVP).
Der politisch-kulturelle Auftrag
Die Irrtümer der Landesregierung reichen aber tiefer in die Eingeweide hinein als das „Gestritt“ um die Frage, wieviel Krankenhausbetten oder Geburtenstationen das öffentliche System haben soll. Sowohl der Landeshauptmann Arno Kompatscher als auch die mächtige Landesrätin Martha Stocker tragen das Parteiabzeichen der Südtiroler Volkspartei SVP. Martha Stocker hat sich in der Sanität vorgestellt als Erbin von Silvius Magnago und vom alten Benedikter. Sie sagt, die Sicherung des ländlichen Raums sei ihr Auftrag. Das ist nicht so dahingeredet. Die SVP steht seit ihrer Gründung 1945 für die Selbstbehauptung der deutschen und ladinischen Südtiroler in ihrer angestammten Heimat. Die Behauptung und Verteidigung des Lebens in den Berggebieten und den weit verzweigten Tälern gehören zum DNA dieser Partei.
Vorbild Durnwalder
Landeshauptmann Luis Durnwalder hat das großartig umgesetzt, als um 1980 herum das „Autonomiegeld“ zu strömen begann. Jedem Bauernhof sein Stadel und seine Zufahrt, jedem Flecken sein Vereinshaus und seine Feuerwehr. Jedem großen Tal sein Spital. Durnwalder hat keine Chance ausgelassen, um überall und ausgewogen Kraftpunkte zu setzen, die den Menschen Brot und Bedeutung geben. Wie oft wurde er dafür gescholten. Aber heute noch zehrt dieses Südtirol von einer Politik, die das Wort „Peripherie“ nicht kannte. Genau genommen dürfte ein SVP-Politiker dieses Wort nie in den Mund nehmen. Die Nachfolger Durnwalders hingegen übernehmen die zentralistische Denkform Roms und wollen in der „Peripherie“ aufräumen. Beginend mit den Geburtsabteilungen.
Welch ein Irrtum!
Nie früher wäre es für die SVP in Frage gekommen, eine Vorschrift, die das Gedeihen von ganzen Talschaften ernsthaft beeinflusst, einfach so zu schlucken, ganz und gar zustimmend, wie das die Regierung Kompatscher mir der so genannten „Sicherheitsnorm“ für die Geburtenabteilungen der öffentlichen Krankenhäuser in Südtirol tut. Die Regierenden scheinen sich nicht umstimmen zu lassen. Also müssen wir wohl darauf warten, wie der Souverän, das Volk, das Ganze beurteilt, bei der Landtagswahl 2018. Bis dahin sollte unserer Landesregierung eine unbequeme Wahrheit mit auf den Weg gegeben werden.
Klein und fein ist unser Kulturmuster
Im deutschen und insbesondere im alpinen Kulturraum lieben wir effiziente, eigenverantwortliche, kleine Einheiten, die zwar intensiv zusammenarbeiten und einen großen Gemeinschaftssinn haben, die am Ende jedoch ihre eigene Ernte einfahren und nicht anderen in die Tasche greifen oder auf dem Sack liegen wollen. Dieses uralte Kulturmuster entspricht den Erfolgsregeln der modernen Wirtschaft. Die großen Weltfirmen haben die hierarchische Ordnung und den Zentralismus längst abgestellt. Profitcenter bewegen sich selbständig. Das eingeschworene Team vor Ort ist wichtig. Die Lösung steht im Mittelpunkt, nicht die Hackordnung.
Die Krankenhäuser von Innichen, Sterzing, Bruneck, Brixen und Schlanders fügen sich gut in dieses Kulturmuster ein. Sie sind effizient, familiär, sauber, sicher, durchsichtig. Aber sie verschließen sich dem Fortschritt und der Vernetzung nicht.
Im Hintergrund lauert der Nationalismus
Das „italienische“ Krankenhaus von Bozen hat durchaus seine Qualitäten, aber der „spirit“ dort ist der des korporativen Zentralismus – ein eher unschönes Wesensmerkmal der neueren Geschichte Italiens. Diese Kröte wollen wir Südtiroler nicht schlucken. Umso weniger, als radikale, nationalitalienisch eingestellte Führungskräfte in der Sanität gar nur ein einziges Spital in Südtirol sehen wollen: „Il San Maurizio“. Das Bozner Spital. (Gegen die möglicherweise jetzt niedersausende Patrioten-Keule ist zu sagen, dass Italiener oft „deutscher“ denken und arbeiten als viele Südtiroler deutscher Muttersprache.)
Ob es gefällt oder nicht, der ethnische Knoten steht am Urgrund der Sanitätsreform und somit auch im Zank um die Geburtenstationen.
Die Zentralisierung des Sanitätsbetriebes, die Desavouierung der Hausärzte auf dem Land, die Schließung der Geburtenabteilungen in Innichen und in Sterzing verletzen das „deutsche“ Gemüt zutiefst. Sollte jemand meinen, mit dem Zurückstutzen der Landkrankenhäuser ein politisches Opfer bringen zu müssen, das die Italiener in Bozen, die sich ewig zu kurz gekommen fühlen, etwas besänftigt, der irrt einmal mehr.
Autonomie haben heißt selbständig handeln können
Einmal erkannt und richtig erwogen, kann es nur eine Aufgabe für die Landesregierung geben: Die „dezentrale“ germanische und die „zentrale“ romanische Seele dieses Landes in ein vernünftiges Gleichgewicht zu bringen, auch in der Gesundheitspolitik. Und am besten in einer autonomen Gesundheitspolitik, die diesen Namen verdient. Martin Luther hat gesagt, wenn morgen die Welt unterginge, würde er heute noch einen Apfelbaum pflanzen. Ein vom Volk gewählter Entscheider sollte sagen: „Wir wollen in jedem unserer Landspitäler eine vernünftig ausgestattete Geburtsabteilung pflanzen, selbst wenn dort nur ein einziges Kind zur Welt kommt“.
Unser Land braucht Kinder
Ein Landeshauptmann von Südtirol sollte diese Begründung dazu legen: „Als reiches Land können wir uns das leisten. Wir setzen auf das Leben. Unser Land braucht Kinder“. So ein Entscheider setzt auf Werte, nicht auf Kalkül, Paragrafen und Technokratie. So einem Landeshauptmann traut man Führung zu, weil er das Glück schmiedet, statt sich schmieden zu lassen.
(dege)
Note
Dieser Artikel von Georg Dekas erschien erstmals auf dekas.it im Zusammenhang mit der (später gescheiterten) Spar-Reform des Südtiroler Sanitätsbetriebes durch die erste Administration Kompatscher und wird hier auf dekas.blog mit dem historischen Datum neu aufgelegt.
BILD: Innenhof Krankenhaus Brixen (c) dege 2014