DIE FLORENTINER FÄLSCHER

29. November 2025

Etymo: Wichtige römische Quellen sind gar nicht römisch.

Wie schon erwähnt, stammen unsere ersten schriftlichen Kenntnisse über die Völker und Sprachen im Alpenraum aus römischen Quellen. Die wichtigste Stimme ist Cornelius Tacitus (56-120), dessen Annalen und die Historiae den Bogen der Geschichte des Römischen Imperiums vom Tod des Augustus im Jahr 14 bis zum Tod von Domitian im Jahr 96 spannen.

Nun, diese Werke sind in der Renaissance entstanden, und zwar in den florentinischen Werkstätten des Poggio Bracciolini (1380-1459). Poggio fälschte für Geld. Papst Leo X (ein Medici) setzte hohe Belohnungen aus für „unentdeckte“ griechische oder altrömische Schriften. Für die Tacitus-Bücher bezahlte der Papst 500 Goldstücke, ein gewaltiges Vermögen zu jener Zeit.

Die Fälschungen hören hier nicht auf. Im Verdacht der Fälschung stehen Werke von Cicero, Lucretius, Vitruvius und Quintilian. Für zwei weitere Werke des Tacitus, Germania und De Agricola, gibt es nicht die  mindeste Spur, bis 1425 ein einziges Manuskript in der Hersfeld Abbey gefunden wird: von Poggio Bracciolini. Bracciolini betrieb das Fälscherwesen industriell. Er beschäftigte Dutzende von Kalligraphen und seine Meisterschaft der lateinischen Sprache war makellos.

Makellos waren auch die Fälschungen seines Florentiner Landsmannes Francesco Petrarca (1304-1374). Der sommo poeta Italiens steht in dringendem Verdacht, Ciceros Briefe erfunden zu haben. Oder Michelangelo Buonarotti, dessen Karriere mit gefälschten antiken Statuen begann. Alles und immer im Auftrag der Päpste. Der Zweck der Renaissance war klar. Die Oberhoheit des (römischen) Papstes vor dem (deutschen) Kaiser sollte durch das Narrativ der kulturellen und politischen Überlegenheit des alten Rom unantastbar sein. Genauso wie die Überlegenheit Italiens in Europa. (Vgl. meinen Aufsatz zu Vicenza).

Übrigens ereilt das Schicksal der Unechtheit auch Titus Livius, den großen Historiografen Roms. Ein Jahrhundert vor Tacitus schrieb Titus eine monumentale Geschichte Roms in 142 Kapiteln, von der Gründung Roms 753 VC bis zum Reich des Augustus. Nach der kritischen Analyse von Louis de Beaufort (1738) ist es erwiesen, dass die ersten 500 Jahre dieser Geschichte ein Spinnennetz von Legenden sind.

Wenn aber Tacitus und Titus Livius von der Liste verlässlicher Quellen gestrichen werden müssen, was bleibt dann übrig vom ganzen historisch-ideologischen Überbau des Römischen Reiches? – Ja, von seiner Geschichte an sich? Was ist dann von den behaupteten Eroberungen in den Alpen und darüber hinaus zu halten?