DER UNFUG DES REISENS 2

14. Januar 2026

Wie man bewusst reisen könnte, geschrieben vor über 100 Jahren.

Im Sommer 1913 bringt die Meraner Zeitung einen Feuilleton-Artikel, verfasst von Dr. Viktor Erschen im „N. Wien. T.“. Es ist eine launige Kritik am (beginnenden) Massentourismus und ein Plädoyer für alternatives, bewusstes Reisen. Im ersten Teil hatten wir den Spott auf die Massen. Hier die Fortsetzung mit dem Plädoyer für bewusstes Reisen.

Es ist höchste Zeit, einen Verein zu gründen: Die Nichtreisenden. Und dann geschwind noch einen zweiten: Die Andersreisenden. Was den ersteren betrifft, so glaube ich in der Tat, daß das Reisen keine unbedingte Notwendigkeit ist. Immanuel Kant hat das Weichbild Königsbergs niemals verlassen und ist doch weiter gekommen, als alle anderen. Aber wenn schon gereist sein muß, dann anders.

Man reist heutzutage zwar nichts weniger als im Schneckentempo, aber je weniger man dies tut, desto schwerer wiegt das Schneckenhaus der Gewohnheiten und Bedürfnisse, das jeder mit sich hinaus in die Ferne trägt.

Daß gerade im Ungewohnten, auch wenn es mit Unbequemlichkeiten verbunden ist, ein besonderer Reiz steckt, empfindet der Durchschnittsreisende nicht. Er schimpft blos gewaltig, wenn er es auf der Reise nicht überall so haben kann wie zuhause. Es ist eine schöne und löbliche Sache um den so genannten Komfort und alles, was drum und dran hängt, aber ein armer Schächer ist, wer nicht gegebenenfalls den ganzen Ballast künstlicher Bedürfnisse aufzugeben und den mit Humor versetzten Reiz der Primitivität zu genießen vermag.

Es ist gar kein Paradoxon, wenn ich behaupte, daß Diogenes mit seiner Tonne ein ganz ausgepichter Genußmensch gewesen ist. Wie hätte der Sorglose gelacht, wenn ihm so ein kofferbeschwerter, trinkgeldschwitzender Vergnügungsreisender von anno Benzin zu Gesicht gekommen!

Dem Lärm und Trubel der gewohnten Umgebung behauptet der Städter entfliehen zu wollen, und stürzt sich kopfüber in den Lärm der Hotels, und den Trubel der Reisekarawanenstraßen, um auch mit jenen Bekannten eingeregnet zu werden, denen er zuhause mit Leichtigkeit ausweichen kann.

Rechts und links aber öffnet die Natur ihre stillen weihevollen Täler, breitet sie ihre majestätischen Ebenen aus, an deren plakatfreiem Horizont die untergehende Sonne in Purpur versinkt, wo schollentreue Menschen die Fülle des Lebens zwischen Bach und Anger, zwischen Stall und Scheune finden. Dorthin, überallhin und „irgendwohin“ sollte man reisen, wie zu Entdeckungsfahrten: als gälte es, für ein paar Wochen ein ganz besonderes, ein zweites Leben zu führen, an jedem Baume sich zu erfreuen und jeder Stunde Bild, mit den Unschuldsaugen des Kindes in die Seele zu schließen.

Da brauchte man gar nicht weit zu wandern, um zu fühlen, wie groß doch die Erde ist, wie sie unerschöpflich ist dem Seienden und unergründlich dem Weisen. Freilich müßte man da auf Baedeker und Musterhotel verzichten, müßte sich selbst Führer sein und willig sich bescheiden, wie der Tag es eben bringt.

Es ist gewiß kein Zufall, daß gerade die Engländer, diese Rasse, in welcher der Reisetrieb entwickelt ist wie in keiner andern, das „Camping“ aufgebracht haben, und dies gerade in neuester Zeit, in teils bewußtem, teils unbewußtem Gegensatz zu den „Segnungen des modernen Verkehrs“. Man reist in Zelten, in Hausbooten, lagert, wo es einem gefällt, kocht zigeunerartig das Mahl im Freien, weiß ein paar Wochen lang nichts von Fahrplänen, Menükarten und Tagesneuigkeiten. Eisenbahn und Automobil dienen gerade nur dazu, möglichst schnell aus der gewohnten Umgebung weg zu kommen. Wer die Engländer kennt, wird wissen, daß sie sich dabei doch nichts abgehen lassen.

Man darf die Maschinen nicht schelten, sie machen Lärm und stinken. Aber lassen wir uns von ihnen nicht unterkriegen, sie sind ganz und gar nebensächlich. Besinnen wir uns darauf, daß wir nötigenfalls zwei Beine in Bewegung setzen können, gegen die jede Maschine die lächerlichste Stümperei ist.

Und vergessen wir nie, daß es nötig ist, zu den Quellen zu gehen, um das reinste Wasser zu haben. Reisen wir anders, — als Menschen, und nicht als Personenkolli, oder reisen wir gar nicht. Denn ich bleibe dabei, für viele  — kein Leser dieser Zeilen wird sich getroffen fühlen — ist das Reisen ganz überflüssig. Sie sind nur Gedränge, stehen im Wege und verstellen die Aussicht. Wenn die alle zuhause blieben, wie schön wäre es da erst — zu reisen!

 

Dr. Viktor Erschen (im „N. Wien. T.“).