DER UNFUG DES REISENS

13. Januar 2026

Eine launige Kritik am Tourismusfieber, geschrieben vor über 100 Jahren.

Im Sommer 1913 bringt die Meraner Zeitung einen Feuilleton-Artikel, verfasst von Dr. Viktor Erschen im „N. Wien. T.“. Es ist eine launige Kritik am (beginnenden) Massentourismus und ein Plädoyer für alternatives, bewusstes Reisen. Hier der erste Teil mit dem Spott auf die Massen (in Auszügen). Das Plädoyer für bewusstes Reisen folgt demnächst.

Die fürwitzige Jugend reist, und das schleichende Alter reist, es reisen Leute mit Automobilen und Leute, die nicht weiter sehen, als ihre Nase reicht, fahren nach Spitzbergen. Es ist eine Manie, die an die Springprozessionen* erinnert, und das Merkwürdigste ist, dass sie alle frohlocken, wenn sie wieder zu Hause sind. Ja, beim ewigen Juden, warum sind Sie denn nicht zu Hause geblieben?

* ekstatische Massenzüge zur Pestaustreibung im ausgehenden Mittelalter, Anm. von dekas.blog

Hochzeitsreisen kann man zur Not gelten lassen, obwohl da eigentlich wieder die Hochzeit überflüssig ist. Man könnte sie weglassen und die Reise so machen, der Genuß wäre reiner. Aber immerhin, ich halte es für praktisch, ein junges Glück aus dem Neid und Hohn der gewohnten Umgebung nach Venedig zu tragen, wo man gegen solches Unglück durch stete Wiederholung schon abgestumpft ist.

Dagegen kann ich es nicht als zureichenden Grund anerkennen, in die Welt zu fahren, um die Erkenntnis heimzubringen, daß weder in Paris noch in Jokohama ein ordentliches Beiried* zu haben ist. Auch die im Olivenhain von Torbole vorzunehmende Konstatierung, daß ein deutscher Tannenwald doch ganz was andres sei, ist das Reisegeld nicht wert. Für letztere Kategorie von Menschen gehören übrigens weder Oelzweige, noch Tannenreiser, sondern Birkenruten.

* österreichisch für Roastbeef/Entrecôte; Anm. von dekas.blog

Daß man die Erdkugel in 39 Tagen umreisen kann [ist] geradezu ein Unglück. Geschwindigkeit und Weg stehen zu einander im umgekehrten Verhältnis. Immer kleiner wird uns die Erde, immer näher rücken uns die Maschinen und immer enger umgrenzen sie die Regionen des Unbekannten, die stillen Bezirke der Sehnsucht, der Träume Land, wo die Seelen ihre Heimstätten bauen.

Die Menschheit rast und rennt, um sich selbst einzuholen, und keiner merkt, daß man auch bei schleunigster Fortbewegung nirgends anders hingelangen kann, als wo man selbst ist.

[…] Wenn es einmal jedermann möglich sein wird, in kürzester Frist überall hin zu gelangen, und seine Nase in jeden verborgenen Erdenwinkel zu stecken, wenn einmal die Sahara ihre Kinotheater, die Himalajaberge ihre Rutschbahnen und die Eispole ihre Rangierbahnhöfe haben werden, dann wird die Menschheit dem grausigsten Spleen unrettbar verfallen und genötigt sein, den eigenen Dünkelzopf empor auf den Mars zu klettern, um nach einer noch unbesichtigten Gegend umzusteigen.*

* …womit wir bei Elon Musk wären; Anm. von dekas.blog

(Fortsetzung folgt.)