(etymo) Zweimal Sinig auf einer geraden Achse quer über den Talgrund der Etsch.
Wer von Süden her in das schöne Meran kommt, muss durch den hässlichen Ort Sinich. Was heißt hässlich? Die steil vom Talgrund aufsteigenden Porphyrwände sind wunderschön und die dazwischen angelegten Terrassen von Weingärten auch. An der Nordostflanke des Talgrundes, über dem ehemaligen Auen-Gebiet von Etsch und Naifbach, heute Sinich, steigt der Schwemmkegel an gegen St. Valentin und Obermais und offenbart die schönsten Höfe und Ansitze, die man sich nur denken kann. Was also ist hässlich an Sinich? Es ist nicht die faschistische Modellstadt, die von den neuen Herren Südtirols in den 1930er Jahren buchstäblich aus dem Sumpf gestoßen wurde. Sie und die „Villette“, mit denen die Faschisten die Landhäuser der Poebene zu imitieren versuchten und sie letztlich als falsches Etikett zurück ließen, sind es auch nicht. Es ist die Kunstdünger-Fabrik in deren Mitte: Sie ist ein Monster und die Mutter der faschistischen Landnahme im Etschtal. Sie sorgt für jenes zerrissene Industrieflair in Sinich, das zwischen Sesto San Giovanni bei Mailand und den Kohle-Bezirken im Saarland keinen Unterschied kennt. Die in den 1990er Jahren durchgeboxten Gewerbebauten und Volkswohnbau-Batterien im postmodernen Stil der Durnwalder-Ära haben es obendrein fertig gebracht, das Wort Sinich zu einem ästhetischen Unwort zu machen.
Umso größer das Staunen, als ich in den edlen Weinbergen der Mitterterz am Marlinger Waal ein neues und ganz anderes Sinich entdecke. Josef Tarneller dokumentiert und erklärt das Marlinger Sinich in seinem monumentalen Werk zu den Höfenamen (1907) wie folgt:
„Siniger. Stadlhof an der Sinig. 1770 Siniger, Sinighof 1653 Sinigguet, Stadlhof an der Sinig; 1595 vereinigt: Sinig-, Stadl- und Viecht Tyrnleguet […] Sinig, ein bedeutendes Ried […] ist Schwundform aus Ursinie: 1390 villicus in Ursinig in Merniga Sw. 114, 1380 Enderlin de Vrsinige, 1350 Frizzel von der Sini, 1285 zwen Wingarten ze Vrsinie, 1273 dom. Perhta de Vrsinia et eius filii Simeon et Dietmar vend. Puczemano de Merano agrum in loco d. Gaian. […].“
Sinig. Sinigo. Sinich. Der identische Name. An der Sinig. Ein Bach? Vielleicht. Ursinia ist entweder ein Bärengeviert, Bärenhag, oder die Besitzung eines Ursus (nicht einer Ursula, aber fast). Gespiegelt auf einer fast geraden Achse quer über den Talgrund der Etsch. Ist das nicht faszinierend und rätselhaft?