Wir brauchen ganz schnell ein Unesco-Pickerle auf Wienerschnitzel und Sachertorte, Speck und Knödel.
Am 10. Dezember 2025 hat die Kulturabteilung der Vereinten Nationen beschlossen, die italienische Küche in das Verzeichnis der immateriellen Güter im Weltkulturerbe aufzunehmen. In Italien wurde dieser Amtsakt gefeiert wie eine Weltmeisterschaft. «Ein Hoch auf Pizza und Pasta», titelt eine Wiener Zeitung.
Ein Hoch auf das Wienerschnitzel und die Sachertorte wäre gleich viel wert. Ein Hoch auf Hamburger und Hotdog ebenso, ein Hoch auf Frühlingsrollen und Peking-Ente dürfte nicht fehlen. Genau so wie ein vielfaches Hoch auf Moussaka, Paella, Knödel, Sushi, Couscous Baguette, Rösti, kurz, auf all die weltweit bekannten Fahnenträger ihrer jeweiligen Küchen.
Wer kommt überhaupt auf die sonderbare Idee, eine «nationale» Küche vor alle anderen zu stellen? Jede Kultur ist was Besonderes und hat ihre Liebhaber. Und vom Aussterben ist sie ja auch nicht bedroht, diese italienische Küche, die zur Hälfte in Amerika groß geworden ist.
Jetzt schaut alles freudig erregt und auch ein bissl neidig auf die Italiener, die seit 10. Dezember 2025 im Olymp des hellblauen Zertifikates sitzen. Das Unesco-Pickerle wird sich unglaublich schön und verkaufsfördernd ausmachen auf den Verpackungen von Dosentomaten, Nudel-Plastiktüten, Ölflaschen, Käse- und Wurstwaren. Ist es das, oder war da noch mehr?
Aber ja doch, die Italiener sind Füchse. Die haben sich von der Unesco ausdrücklich nicht ein paar Teigfladen, sondern gleich ein ganzes «Feeling» patentieren lassen, ein G’fühl, wunderschön fotografiert und emotional so erhebend und anregend wie ein Werbespot für Barilla oder eine Doku für Venedig.
Den Italienern geht es nicht allein darum, «die Herzen von Pizza-, Pasta- und Risotto-Fans rund um den Globus höherschlagen» zu lassen, wie die Wiener arglos Beifall klatschen.
Italiener neigen rasend gerne zur Überkompensation ihres gut verhüllten nationalen Minderwertigkeitskomplexes. Ihnen selbst tut das Lob der Welt besonders gut. Das Unesco-Prädikat ist Seelenfutter pur. Die Cucina Italiana und mehr noch die «dieta mediterranea» sorgen für mentale und psychische Volksgesundheit, seit Ferrari, Fendi und Fussball etwas an Glanz verloren haben. Das «nationale» Essen ist und bleibt heilig. Es ist etwas «Intimes», sagt der Corriere. Da ist es völlig gleichgültig, dass Genussträume und gastronomische Wirklichkeit in Italien leider immer weiter auseinander fallen.
Die unbestrittene Güte und die große Beliebtheit der italienischen Küche in der Welt stehen gar nicht im Brennpunkt der Unesco-Operation. Die Zertifizierung als «intangibles» globales Kulturgut ist eine kühl überlegte, von langer Hand geplante, exakt kalkulierte und überaus gewinnbringende Marketing-Aktion.
Diese stützt sich punktgenau auf das unzerstörbare, universale «Feeling» für Essen, Genuss und schönes Leben und macht es zum Motor eines mächtigen Geschäfts. Das ist, wohlgemerkt, keine Kritik, sondern eine anerkennende Feststellung.
Italien versteht es besser als zum Beispiel Österreich, dass es seine Tourismusindustrie neu ausrichten muss im Fluss der weltweiten Konsumströme. Europa und besonders Italien sind ein musealer Leckerbissen, der in keiner Genussbiografie fehlen darf. Dass Touristen ins Land kommen, um ihr «Feeling» zu befriedigen, ist eigentlich schon zu viel (Stichwort «Overtourism»).
«The Next Frontier» ist, den Milliarden von Konsumenten auf dem Globus ihr Traum-Italien mit dem Unesco-Botendienst direkt nach Hause zu liefern. Jeder soll sich «The Italian Feeling» kaufen können. Dosenweise, mit einem hellblauen Pickerle dran, unbegrenzt in Anwendung und Verwertung, aber mit einer realen Wertschöpfung in Italien. Das ist der Plan.
Hut ab vor dem ialischen Genie, und auf zur Nachahmung! Wir brauchen ganz schnell ein Unesco-Hoch auf Wienerschnitzel und Sachertorte, Krapfen und Kraut, Brezn und Frankfurter, und natürlich ein Hoch auf Speck und Knödel!