Die Wurzeln unserer Sprache.
Ich bin am Ende mit meinem Latein. Heißt eine schöne Redewendung. In der herkömmlichen Namensdeutung vieler Tiroler Orts- und Landschaftsnamen steht hingegen das Latein am Anfang und ist der Weisheit letzter Schluss.
Ein kleines Beispiel dafür hatten wir in der Namensgeschichte von Terenten im Pustertal (Etymo am Samstag | Terenten).
Ableitungen aus dem „Römischen“, „Lateinischen“, „Romanischen“ – mit der „Fachliteratur“ als Gewähr und Siegel – sind ein „Klassiker“ der Namensdeutung in Südtirol. So einfach und lautlich bequem die Zuordnung zu römisch-lateinischen Worten auch sein mag, so falsch oder irreführend kann diese Herkunftsdeutung sein.
Der lateinische Herkunftsnachweis hat grundsätzliche Schwächen, unabhängig von der individuellen Bedeutung oder Namensgebung eines Ortes.
Es gibt nämlich dreierlei „Latein“: Eines ist das heute tote, klassische Latein, gelehrt im „Humanistischen“ oder „Klassischen“ Gymnasium, das in Preußen von Wilhelm von Humboldt erst um 1800 gegründet wurde.
Dieses Latein ist aus den sogenannten klassischen Schriften destilliert – Paradepferd ist Caesars „De Bello Gallico“. Es spiegelt grossomodo die Herrschaftssprache des Imperiums SPQR in der augusteischen Zeit. Dreigestirn Horaz, Vergil, Ovid. Das (West-) Imperium ist bereits im Jahr 476 am Ende. Doch das Leben geht weiter, und so auch Latein.
Das zweite Latein, das sind die Volks- und Verkehrssprachen auf lateinischer Basis, die sich in der Spätzeit des Imperiums überall im Reich herausgebildet haben. In der oströmischen Reichshälfte ist griechisch die Kultur- und Amtssprache geworden. In Mittel- und Nordeuropa haben von Anfang an vor allem die keltischen Sprachen auf das gesprochene Latein eingewirkt. In Italien, beginnend bereits um 500, die germanischen Sprachen Gotisch und Langobardisch. Ab Jahr 1000 sind die europäischen modernen Sprachen schon im vorgeburtlichen Stadium, weitere 500 Jahre später sind es schon Nationalsprachen, viele, regional, und alle durchsetzt mit der Kirchen- und Verkehrssprache Latein, die die Italiener nicht umsonst „basso latino“ nennen, niederes Latein.
Dieses Volkslatein hat von Beginn an aktiv Wörter aus den keltischen und germanischen Sprachen in sich aufgenommen. Es konnte damit leichter konkurrieren als Verkehrssprache. Ein x-beliebiges Beispiel ist das Tiroler Wort „Troppl“ (Mausefalle, auch Motorrad), entlehnt aus italienisch „trappola“ (Falle), das seinerseits aus Volkslatein „trapula“ kommt, welches wiederum aus dem germanischen „Trappa“ (samt Varianten wie „trap“ usw.) kommt und in der deutschen „Treppe“ nachwirkt.
Die wichtigste Erkenntnis aus diesem tausendjährigen Prozess der Amalgamierung ist, dass ein lateinisches Wort aus dem Bereich Orts- Gehöfte- und Familiennamen nicht mehr das Attribut „römisch“ in Anspruch nehmen darf, wenn man mit „römisch“ die klassische Periode des Lateinischen meint. „Römisch“ gilt allenfalls für die römisch-katholische Kirche.
Jetzt kommen wir zu einer dritten Dimension von Latein, die wesentlich ist für die Orts- und Namenskunde. Es ist die Sprache der Notare.
Die herkömmliche und immer noch weithin anerkannte Etymologie der Tiroler Ortsnamen gründet auf dem Studium der Urbare und Notar-Urkunden, vor allem durch Patres im 19. Jahrhundert. Diese Forscher beherrschten das klassische Latein aus Humboldts Schule. Und waren durchtränkt vom glorreichen Rom der Kaiser und Päpste. Das Zeugnis einer Schrift aus der imperialen Ära war (und ist heute noch) Gesetz. Nebenbei hat sich herausgestellt, dass so manche dieser Schriften eine Fälschung aus der italienischen Renaissance ist.
Die Urkunden hingegen, die die humanistisch gebildeten Forscher studierten, waren tausendfünfhundert Jahre lang von Nicht-Lateinern und Nicht-Römern in der geltenden Kanzleisprache geführt worden: Ein Latein durchsetzt mit Namen und Begriffen aus den Volkssprachen, wie schon gesagt.
Wenn es um die germanischen Einflüsse geht, können wir diese noch erkennen. Keltische oder andere vorrömische Namen, die latinisiert wurden, deren Wurzeln auszumachen ist schwierig bis unmöglich. Das ist mit ein Grund, warum sich die lateinischen Erklärungen heute noch halten.
Urkunden sind ja im Wesentlichen Besitzurkunden, Steuernachweise, im weitesten Sinn Buchhaltungsdokumente. Die Namengebung von Orten und Personen folgt hier eigenen Regeln, auch heute noch. Im Volk heißt einer, Beispiel, Tschiderer Hons, im notariellen Akt heißt derselbe Mensch Johann Franz Mair. Urkunden folgen nicht der Gewohnheitssprache, die außerhalb der engen Bezirksgrenzen unverständlich wirkt. Und wenn, dann nur als Zusatz, um Verwechslungen zu vermeiden.
Die Notare und Beamten formten auf diese Weise über tausend Jahre die vor Ort geltenden Bezeichnungen um in die universelle Kirchen- und Staatssprache Latein, die längst nicht mehr das klassische Latein war. Es wurden frühere Sprachzustände lautlich aufgenommen und grammatikalisch adaptiert. Genauso, wie das der geniale Ortsnamenfälscher Ettore Tolomei mit den deutschen Ortsnamen in Südtirol gemacht hat, als er sie ins Italienische übertrug.