ETYMO AM SAMSTAG | TERENTEN

Samstag 31. Oktober 2026

Romanisch oder keltisch?

Die älteste urkundliche Nennung des Dorfes am Pusterer Sonnenhang und Mittelgebirge sei der Eintrag «in monte Torento hobas IIII« um das Jahr 1000, also vier Höfe auf dem Berg Terenten. Das und mehr schreibt Frau Klara Rieder zur Namensgeschichte von Terenten im Pustertal*. Bei früheren Quellen, so Frau Rieder, sei es umstritten, ob mit »Torrentes« (um 827) nicht die Ortschaft Trens bei Sterzing gemeint sei.

Der Name „Torent“ hakt sich in verschiedenen Schreibweisen über die Zeiten hinweg fest. Soweit, so urkundlich. Nun setzt die Verfasserin, mit Rückgriff auf die „Fachliteratur“, zur Erklärung und Herkunft des Namens an, Zitat:

„Diese Ortsbezeichnung geht zurück auf den lateinischen Begriff »torrens, -entis« und bedeutet »Wildbach« oder »Sturzbach«. Mit dieser Bezeichnung wird wahrscheinlich dem Umstand Rechnung getragen, daß die ursprüngliche Siedlung zwischen zwei Bächen, dem Terner- und dem Winnebach, gelegen ist. Der Name ist also romanischen Ursprungs.“ (Seite 43, ebenda)

Da aber wahrscheinlich längst nicht „gesichert“ bedeutet, greift Frau Rieder zum „Repschnürl“ (Sicherungsseil beim Klettern), Zitat:

„Romanische Relikte finden sich auch in einigen Weilernamen: Pein wird beispielsweise vom romanischen »pinu« abgeleitet, was soviel wie »Föhrenwald« heißt.“ (Seite 43, ebenda)

Mit diesen wenigen, aber aufschlussreichen Zeilen aus einem gewissenhaft verfassten Dorfbuch liegt ein „Klassiker“ der Namensdeutung in Südtirol vor, nämlich die Ableitung aus dem „Römischen“, wahlweise „Lateinischen“ oder etwas allgemeiner, dem „Romanischen“ – mit der „Fachliteratur“ als Gewähr und Siegel.

So einfach und lautlich bequem die Zuordnung zum römischen Gebirgsbach „torrentis“ oder dem Pinienwald ist, so irreführend kann diese sein. Man sieht das allein schon am Zweifel, ob mit dem urkundlichen „Torrentes“ nicht auch Trens gemeint sei.

Die lateinische Spur ist aber auch aus anderen Gründen mit Vorsicht zu genießen, selbst bei nahezu evidenten Ähnlichkeiten zwischen dem heutigen Ortsnamen und einem Lateinwort. Diese Gründe sollen Gegenstand der nächsten Folge sein, wenn wir uns näher mit dem Phänomen „Latein“ befassen.

Grundsätzlich gilt:

Romanisch klingende Ortsnamen in Tirol haben die vor der römischen Herrschaft gültigen Sprachen aufgesogen. Es ist ja nicht so, dass die Römer die Alpenregionen wie ein weißes Blatt Papier vorgefunden haben. Die Urwörter sind in den heutigen Nennungen oftmals als Wortstamm oder als Endung erhalten, aber auch schwer zu deuten, wie wir weiter unten sehen werden.

Terentens Lage an Bach und Wald genügt kaum, einem Ort den eindeutigen Namen zu geben, der die Jahrtausende überdauert. Wäre dem so, müsste es viel mehr auf Ter-, Tre-, Tar-, Tru- lautende Orte geben. Im Gebirge liegen Siedlungen zuhauf an Bächen. Selbiges gilt für Waldungen („Pinu“), Lahnen („Lana“) und andere rein topografische Merkmale.

Der lateinische Herkunftsnachweis hat grundsätzlich noch eine weitere Schwäche.

Die herkömmliche Sprachforschung der Tiroler Ortsnamen gründet auf dem Studium der Urbare und Notar-Urkunden, vor allem durch gelehrte Patres und deren Schüler im 19. Jahrhundert. Diese Forscher beherrschten das klassische Latein und waren zugleich große Landschafts-Erkunder. Lesen Sie im Anhang einen kurzen Ausschnitt zu Terenten aus Beda Webers Reiseführer (er war Benediktinerpater).

Die Urkunden hingegen, die sie studierten, waren tausendfünfhundert Jahre lang von Nicht-Lateinern und Nicht-Römern in einem Latein geführt worden, das wohl universal geltende Kanzleisprache war, aber durchsetzt mit Namen und Begriffen aus den vorrömischen und nachrömischen Volkssprachen.

Wenn es um die germanischen Einflüsse geht, können wir diese noch erkennen und bestimmen. Keltische oder andere vorrömische Wörter, die mit der Nennung im Amts-Akt ad hoc latinisiert wurden, deren Wurzeln auszumachen ist schwierig bis unmöglich.

Also ist es, zum Beispiel in Dorfbüchern oder auf Tourismus-Seiten, bequemer, bei der Erklärung zu bleiben, mit der man auf Autoren der „Fachliteratur“ verweisen kann. Und diese Autoren sind im lateinischen Geist gebildet worden und haben eine kulturgeschichtliche Prägung die Rom zum Primat hat. Das ist mit ein Grund, warum sich die lateinischen Erklärungen heute noch so gut halten, obwohl die Wahrscheinlichkeitstheorie etwas Anderes vorziehen würde.

„Torentum“ klingt wie Latein, ja. Es klingt wie lateinisch Bach, ja. Wenn es lateinische Sitte wäre, Siedlungen nach Naturgegebenheiten zu benennen, wie es zum Beispiel die Kelten mit Vorliebe, aber immer mit je eigenen, heiligen Wörtern gemacht haben, dann müsste, wie gesagt, jeder zweite Ortsname in den Alpen mit Ter oder Tor anfangen. Nein, Torent ist höchstwahrscheinlich die lateinische Adaption einer zu wenig bekannten, weil nie verschriftlichten Lokalbezeichnung, die über tausend Jahre lang im lateinischen Amtswesen durchdekliniert wurde.

Schon in den Hochzeiten der romanisierenden Herkunftsdeutung (1840 bis 1890) hat es andere Forscher gegeben, die über diese „buchhalterische“ Deutung hinausgeschaut haben.

Der bekannteste war Dr. Ludwig Steub aus München, der als Student der alten Sprachen im Jahr 1843 eine Wander-Reise durch die Alpen machte und feststellte, dass alle diese Ortsnamen von Augsburg weg über Vorarlberg, Engadin, Vinschgau, Eisack- und Pustertal unmöglich deutsche Namen sein konnten, und nicht einmal römische.  Steub kam auf den genialen Einfall, die Namen nach lautlichen Strukturmerkmalen zu ordnen und ähnlich lautende Ortsnamen außerhalb der Alpen zu suchen. Seine These: Tuskanien und die etruskische Sprache lieferten die größten übereinstimmenden Strukturelemente in der Lautung. Also begann er, ganz Tirol etruskisch zu deklinieren. In seinem Alterswerk hat er diesen Ansatz verworfen und ist zur lateinischen Etymologie zurückgekehrt.

Einschub: Steub würde Terenten in seiner etruskischen Phase aus dem Urwort „Taur“ für Stier ableiten, denke ich. Lese dazu Ludwig Steub, „Ueber die Urbewohner Rätiens und ihren Zusammenhang mit den Etruskern“, München 1843, Seite 46, online auf digital.tessmann hier)

Ein zweiter Forscher, der, völlig unterschätzt, 1895 aus der Reihe tanzte, ist der Marienberger Benediktiner Pater Sebastian Heinz, aus Völlan bei Lana gebürtig (sage ich aus Nationalstolz). Pater Sebastian, tief beeindruckt vom Heidelberger Universalgenie J. F. Mone, ging auf die keltische Spur. Mone’s und P. Sebastians Annahme: Die Alpentäler waren keltisch besiedelt und kulturell geprägt, lange bevor die Römer kamen, und lange auch nachher.

In der Tat, ob man die Alpenvölker von damals keltisch, rätisch, illyrisch, pelasgisch oder sonst wie nennt, der strukturelle Vorgang ist dieser gewesen: Der Volkskörper blieb in der Zeit des Imperium Romanum nahezu unverändert bis zur Ankunft der Langobarden, Franken, Alemannen und Bajuwaren, beginnend um 500. In den vorangegangen 500 Jahren der Zugehörigkeit zum Imperium hat es nur eine bescheidene Zuwanderung von Verwaltern, Militär, Händlern und Veteranen aus dem Süden gegeben. Die Romanisierung der Lokalsprachen erfolgte evolutionär, fast homöopathisch; zunächst nur in der dünnen Höhe der staatstragenden Schicht, dann aber, ab der Jahrmarke 250, mit Macht ins Volk gedrückt durch die neue Religion des Christentums. Wir sehen das übrigens auch an der Namensgebung für all die kleinen Kirchen und Kapellen auf dem Land, die allesamt auf keltischen Kultplätzen „draufgesetzt“ wurden.

Wie Frau Klara Rieder im Fall von Terenten schreibt: „Die Kirchlein von St. Zeno und St. Margareth in Margen sind ein Zeugnis für diese frühzeitige Christianisierung“. (Seite 43, ebenda).

In der Tat: Die Margherita oder Marina ist aus Antiochia, heute Türkei. Das 15jährige Mädchen wurde im Jahr 290 enthauptet. Zenon stammte aus Mauretanien, war also ein „Mohr“, wurde Bischof in Verona und starb 371.

Überall in den Alpen findet man kleine Kirchen mit Namen von Märtyrern – gerne aus dem hellenistischen Osten, aus Nordafrika oder Süditalien, gerne zwischen den Jahren 150 und 300. Sie sind starke Zeugnisse der organisierten Auslöschung vorrömischer Kulte und Kulturstätten durch die römische Staatsreligion. Im Umkehrschluss sind die frühchristlichen Kultstätten fast schon ein Abbild der „heidnischer“ Stätten von vorher. Je mehr es christliche Kirchen und Kapellen gibt, desto reicher war auch der vormalige Kult und mit ihm die Kultur.

Terenten hat sie, diese Kapellen. Shortcut: Der Name Terenten hat keltisches Substrat.


*) Quelle: „Terenten – ein Dorf erzählt“, 1998; online auf digital.tessmann.it; Druckseiten 42 und 43


P.S.

Terenten in altem, edlen Deutsch

BEDA WEBER

Handbuch für Reisende in Tirol : in einem Bande

Innsbruck 1842, Verlag Wagner

TEXTAUSZUG Seite 254 

… noch zwei andere höchst interessante Pfade nach Bruneck, die wir hier kurz andeuten. Man kann zuvörderst den Weg über Terenten einschlagen. Zu diesem Ende steigt man vom Eingange ins Weitenthal aufs Mittelgebirge empor, das sich in der anmuthigsten Abwechselnng von Feld und Wald nach Bruneck hinüber streckt. Hier findet man die ansehnliche Gemeinde Terenten von 1000 Seelen auf einer ansehnlichen Mittelfläche, die in grasreiche Alpen an der Gränze von Taufers ausläuft. Zwei Stunden hinter dem Dorfe bewundert man im Gebirge einen schönen Wasserfall, und die lohnendsten Bilder der Bergwelt auf den Alpen H ü h n e r s p i e l und G r ü n b a c h.

Das Volk ist auf diesen Höhen sehr arbeitsam, unscheinbar gekleidet, und aushältigster Natur. Ihre vorzüglichste Sorgfalt geht auf Zuchtvieh, das überall als eine gute Art den besten Absatz findet. Sie sind daher größtenteils schmalzarm, weil die Zuchtkälber den Milchnutzen wegnehmen. Von hier ziehen wir […] in der Nachbarschaft von zwei lustigen Seen […]

Am äußersten Abhange dieses Mittelgebirges, Bruneck gegenüber, liegt Pfalzen, ein schön gelegenes Pfarrdorf, der Sitz der bojoarischen Herrschaft in dieser Gegend, aus Palatium verderbt. In anderthalb Stunden erreicht man von hier aus Bruneck, und der Umweg im Verhältnisse zum Poststraßenzuge möchte kaum zwei Stunden betragen. […]

Quelle: digital.tessmann.it (meine Hervorhebung fett)

Anmerkung

Zuchtvieh braucht Stiere. Steub’s „Taur“ (vgl. Toro) ist Stier. Torent (Terenten) ist Platz der Stiere (wie Turin), hier halt Stieralm. Beda Weber und Ludwig Steub treffen sich zufällig zur selben Zeit (1842/1843) in einer sinnverwandten Erkenntnis zu Terenten, nicht wahr?


P.P.S.

#vergessenesprache

«schmalzarm» sind die Leute und «aushältigst»

Milchnutzen für Rahm

Heerweg und Poststraßenzug für heute «Staatsstraße» (von ital. SS)

Seelen für Einwohner

Volk für Leute

«Ihre vorzüglichste Sorgfalt geht auf» für «Sie konzentrieren sich auf / sind spezialisiert auf»

lustige Seen ,für Seen die Lust machen

«verderbt» Pfalzen ist «aus Palatium verderbt»