Zum Namen des berühmten Weindorfs.
Letzthin war einiges los in Kaltern. Ein rechter Jugendclub und der Verkauf des Klosters des Dritten Ordens (Terziar-Schwestern) beschäftigte die Medien. Und natürlich ist in Kaltern das „Wimmen“ des berühmten Kalterersee-Weines im Gang. Anlass genug, um uns mit der ganz und gar unwichtigen, aber spannenden Wortherkunft von Kaltern (Dialekt: „Koltern“) zu beschäftigen.
Offiziell auf Touri-Seiten ist angeführt Kaltern = Kessel. Wird gerne auch unterstrichen durch den Hinweis auf das Wappen des Marktfleckens Kaltern, welches tatsächlich einen Kessel zeigt.
Die Italiener nennen den Ort Caldaro. Das Wort ist im Treccani-Wörterbuch als Grundwort von „Calderone“ = großer Heizkessel angeführt. (Lat. Stamm calidus = warm, heiß). Zur zweiten Wortbedeutung steht im Treccani dieser aufschlussreiche Satz:
„Nella regione di Belluno […] un piccolo bacino lacustre.”
Also ist „Calderone“ auch ein Flurname im Bellunesischen, der ein kleines Seebecken bezeichnet. Würde für unser Kaltern passen. Kessel im Sinn von landschaftliches Becken mit einem See an seinem tiefsten Punkt. Mehr dazu am Schluss dieser Betrachtung.
Kaltern und Wein
Wenn wir bei der romanischen Auslegung des Namens Kaltern bleiben wollen, würde sich mit einem Umweg über das Deutsche eine ganz andere, aber ganz und gar sinnträchtige Deutung anbieten, weil sie mit dem zu tun hat, wofür Kaltern berühmt ist: den Kalterer Wein.
Keltern ist das deutsche Wort für Wein machen, der oder die Kelter ist unsere „Torggl“. Die Wortähnlichkeit zu Kaltern ist schlagend. Der Duden leitet das dazu gehörige Hauptwort Kelter von einem früheren kelcterre her, und weiter vom lateinischen „calcare“ mit den Füßen stampfen (calx = Ferse). Gemeint ist damit das Stampfen des Mostes, was in Kaltern seit 3000 Jahren mindestens gemacht wird.
Kaltern und Kalk
Etymologisch interessant ist nebenbei der Zusammenhang von calcare = stampfen und Calx = Ferse mit dem Kalk (Gestein). Das semantische Bindeglied ist das Zertreten der Kalksteine, das zum gelöschten Kalk führt: Als Baustoff, Konservierungsmittel und Hygieneschutz seit ewigen Zeiten hochbedeutsam. Dass der Ort Kaltern in einer großartigen Wanne unter dem weißen Kalkgestein des Mendel-Kamms liegt, beflügelt die Wortphantasie um einen Gang mehr.
Kaltern und Kelten
So naheliegend die lateinisch-romanischen Erklärungen auch sein mögen, so wahrscheinlich ist es, dass die Ursprünge des Ortsnamens weit über die römische Epoche hinaus reichen – in der Zeit nach hinten. Natürlich kann es an dieser Stelle gar nicht anders sein, als dass unsere lieben Kelten zum Zuge kommen.
Zu allererst und der blanken Einfachheit halber allein durch die phonetische Ähnlichkeit von Kelt/en und Kalt/ern. Also Kaltern, die Stadt der Kelten (oder so was).
Aber auch der keltische Kessel geht uns gut. Dessen Bedeutung bei den Kelten wir ja kennen. Eine Herleitung vom frankogallischen „chaudron“ (frz. Kessel) zu Kauldron oder Koltraun ist denkbar.
Kaltern und Goldern – die keltische Namenskette
Umso mehr, als der (angenommene) keltische Name nicht allein dasteht. Da gibt es Ähnlichkeit zu Goldrain im Vinschgau. Goldrain hat nix mit Gold und Rain zu tun. Der Pestschreiber Jordan von 1836 nennt es „Goldern“, das ist eine evidente Nähe ist zu „Koltern“ im Dialekt. „In einem Rottenburger Urbar von 1350 heißt es:
«pei dem Affen von Kolraun» (Goldrain in Vinstgau) u. a.“
(aus: Christian Schneller, Tirolische Namensforschungen, Innsbruck 1890). Mit „Affen“ ist der Awen (Ofen) gemeint, und der Ort Kolraun könnte ein Koltraun sein, Kessel oder, wahrscheinlicher, ein keltischer Schmelzofen (siehe Schluss dieser Betrachtung).
Noch einmal „Kessel“
Was würde denn unser Keltomane Pater Sebastian Heinz zur Verbindung Kaltern und Goldrain sagen?
Zu Rain sagt er:
„Es findet sich aber in diesem Bezirke das Wort schon vor der Einbürgerung der deutschen Sprache und kann darum nicht das deutsche Rain sein; darum greifen wir wieder nach dem Celtischen und finden das Wort i. raon = schiefes Feld, woraus das mittellateinische ravina und dann das deutsche roan, rain hervorgegangen ist.“ (unter „Ravina“ in „Das Celtenthum“ 1895)
Zu Kessel sagt er:
„Glurns, die einzige Stadt in Vinschgau und Gerichtssitz, […] Sein Name ist 1173 Glurne vicus, 1175 Glurns […]. Die Italiener nennen es Celurno, die Romaunsch in Engadein Gluorn. Das Wort ist cymbr. Cilorn, b. Kelorn = Kessel, w. Kelurn = Zuber, Kübel, was auf die in der Tiefe des Thales wie einem Kessel liegende Stadt vollkommen paßt; wenn ein s angehängt ist, so steht es, wie in vielen anderen Ortsnamen anstatt i. ais = Wohnung.“ (ebenda).
Also reichert sich die keltische Kette jetzt schon um Glurns an. Und weil wir schon knietief bei den Galliern sind, wollen wir auch das Örtchen Galsaun im mittleren Vinschgau und das Ski-Mekka Galtür im Oberland mit dazu nehmen. Alles Gal/Kal/Kel/Kol. Kelte oder Kessel oder beides.
Kaltern und Kupfer
Unter „CALDERONE“ heißt es im Treccani:
„calderóne (o caldaróne) s. m. [accr. di caldaia, caldaio (nelle forme caldara, caldaro)]. – 1. Caldaione, grossa caldaia; fig., mettere tutto nello stesso c., mettere insieme cose discordanti, eterogenee. 2. Nella regione di Belluno, conca di erosione che interrompe il letto di un torrente, e nella quale si stabilisce un piccolo bacino lacustre. Per estens., in geografia fisica, conca originata dall’acqua cadente con duplice azione, dapprima erosiva dall’alto al basso e poi vorticosa.”
Es fällt auf, dass die Erst-Bedeutung „großer Heizkessel“ rein gar nichts zu tun hat mit der Zweit-Bedeutung von einem geologischen Becken, in dem sich eiskaltes Gebirgswasser sammelt. Das „Heiße“ in Calderone, Caldaro und Kaltern kann sich demnach kaum auf die Landschaftsform eines Beckens beziehen.
So ist auch im romanischen Alpenvorland von Belluno eher davon auszugehen, dass das Stammwort „Cal“ sich auf etwas Keltisches bezieht. Und was wäre nicht keltischer und heißer als ein Schmelzofen? Erst kürzlich (2026) wurden im von Belluno aus benachbarten Lusern drei keltische Schmelzöfen aus der Bronzezeit freigelegt. Dahin gehend könnte Kaltern wie Glurns usw. auch einen keltischen Sammelpunkt für die Erzverarbeitung bezeichnen und von daher den Namen erhalten haben.
Kein Entweder – Oder
Wie so oft in der Wortgeschichte fließen mehrere sinnhafte Bedeutungen in einem Eigennamen zusammen. Auch aus unterschiedlichen Sprachschichten. So geht es in der Erklärung eines Ortsnamens oft nicht um ein Entweder Oder, dies oder das, römisch oder deutsch, sondern wennschon um ein aggregiertes Früher Später. Ganz stark geht es zu allen Zeiten und in allen Sprachen um visuelle, akustische oder erzählerische Assoziationen, die zusammen ein gewachsenes Ganzes bilden. Kaltern und seine Bedeutungen sind ein exzellentes Beispiel für die komplexe Architektur unserer Südtiroler Ortsnamen.