GROSSER TAG GROSSE ORDEN

6. September 2012

40 Jahre Südtirol-Autonomie. Eine Zaungast-Reportage vom Staatsbesuch Fischer-Napolitano in Meran.

Am 5. September vor 66 Jahren wurde der Pariser Vertrag geschlossen. 1972 folgte das zweite, neue Autonomiestatut, 1992 die Streitbelegung zwischen Österreich und Italien vor der Uno. 2012, am 5. September, ehrt Südtirol beide Nationen für das gemeinsame Friedenswerk. Große Orden und ein großer Tag, begangen in freundschaftlicher Gelassenheit und im europäischen Geist. Etwas vom kleinen Drumherum erzählt diese Zaungast-Reportage.

September in Meran, milder Sonnenschein. In der Luft hängt allerdings ein zäher Dunst, der sich erst gegen Mittag auflöst. In dem kleinen Stadtl ist heut einiges los. Die Schule hat angefangen, die Herbsttouristen füllen das Stadtbild, mit Rucksäcken, auf Berg-Radlen, viele noch in Sommerstimmung, mit Eis und Einkaufstaschen. Mitten in diesem Treiben findet ein bedeutendes politisches Ereignis statt – vielmehr ein Staatsakt!

Im Kurhaus werden zwei Staatspräsidenten erwartet. Der eine kommt aus Rom, der andere aus Wien. Landeshauptmann Luis Durnwalder wird beiden heute den großen Verdienstorden des Landes Südtirol umhängen. Die Ankunft der Staatsmänner ist gegen elf Uhr vorgesehen. Unser Präsident hingegen wartet schon am Prachteingang zum Kurhaus auf der Promenade. Neben ihm hat sich der Meraner Bürgermeister in die grün-weiß-rote Schärpe geschwungen, und die Protokollchefin des Quirinals wacht genau über jede Aufstellung und den ganzen Ablauf.

Auf der anderen Seite des Hauses, in der Freiheitsstraße, geben Polizei und Militär den Farbton an. Generäle salutieren sich gegenseitig, die Geheimen tragen ihr geringeltes Ohrenkabel diskret spazieren. Gäbe es diese eindeutige Präsenz der Staatsmacht nicht, dann könnte man glatt meinen, dass ein kleiner, bunter Staat à la Liechtenstein oder Luxemburg heute den zwei befreundeten Nachbarnationen seine Ehrerbietung beweist.

Na ja, ein bisschen ist es auch so, denn die Uniformierten, die Sicherheitsleute und der ganze Stab des Römers, der Napolitano heißt, ein Neapolitaner ist und ein vollendeter Gentleman dazu, – die alle machen einen sehr gelassenen, friedlichen,  fast schon freundlichen Eindruck. Schon strömen von den Tiefgaragen am Therme-Platz die offiziellen Gäste des Festaktes herbei und verschwinden einer nach dem anderen im Kurhaus, wo sie im großen Saal Platz nehmen, lang bevor die obersten Ehrengäste kommen.

König Durnwalder hat neben den Prominenten aus Politik, Wirtschaft, Kirche und Staatsbehörden seinen ganzen Hofstaat mobilisiert. Ein etwa sechzigjähriger Passant, ein Einheimischer, geht mit seiner Frau gerade die Freiheitsstraße hinauf, sieht hinter dem Polizeikordon die Beamten des Landes zum Festakt eilen und sagt: „Wir sind doch auch Provinz!“ Will sagen, da könnten wir beide genauso gut hinein. So füllt sich der Saal bis auf den letzten Platz, und draußen wird es langsam leer. Auf der Promenade hat die RAI ihre Ü-Wagen aufgestellt. Was jetzt drinnen vor sich geht, das ist im Fernsehen. Die Wirklichkeit verschiebt sich ins Mediale. Staatspräsident Giorgio Napolitano in Südtirol. Ein nationales Ereignis. Später am Tag werden wir aus den Medien erfahren, was die Präsidenten sagen werden, alle drei.

Draußen, auf der Passerpromenade, hat sich längst eine ansehnliche Menschentraube längs der Absperrgitter und in der Nähe des roten Teppichs gebildet. Bei den deutschen Urlaubsgästen herrscht die Ahnungslosigkeit. Ein norddeutscher Bergtourist am Handy: „Mensch, gestern war hier tote Hose, aber heute ist alles voll!“ Daneben schlendert eine Touristenfamilie aus Bayern mit drei halbwüchsigen Töchtern über den Passer-Steg. Da sehen sie die den Menschenhaufen vor dem Kurhauseingang und jede Menge Polizei: „I glaub’, die Südtiroler machen an Volksaufstand!“

Umso informierter und freudig gestimmt sind die italienischen Zaungäste. In der Menge gegenüber dem roten Teppich strahlt eine ältere Meranerin über den Umstand, dass der Bürgermeister statt der Kette endlich die Schärpe habe umhängen müssen: „Non ho mai visto Januth con la nostra Tricolore tranne oggi!“ Na endlich, wurde aber auch Zeit, dank Napolitano und, gell, wenn unser Präsident kommt, dann schon, dann schauen sie alle aus wie die kleinen Wichte, jetzt müssen sie sich fügen, welche Freude!

Kurz nach Elf biegt die Autokolonne des Staatspräsidenten Giorgio Napolitano beim Juwelier Frühauf auf die Promenade ein. Von den italienischen Touristen und Meranern kommt kurzer Applaus auf, der schnell verebbt, als sie sehen, dass die Fenster der schwarzen Limousine  geschlossen bleiben.

Gleich an der Einfahrt, neben dem Würstlstandl unter der Rosskastanie halten Anhänger der Südtiroler Freiheit und des Heimatbundes dem römischen Präsidenten ein Plakat entgegen, an dem die blau blitzenden Motorräder und die schwarze Lancia mit Staatsflagge und Insignien der Republik achtlos vorbeifahren. Das gleiche Schicksal widerfährt den Aufrechten der Italianità, die gegenüber, unter der Pinie beim Café Darling Aufstellung genommen. Auf phosphorgelben Schildern fordern sie, dass alle Ortsnamen in Alto Adige „bilingui“ bleiben müssen, will sagen, dass das Italienische überall dominieren soll. Beide Grüppchen könnten verschiedener nicht sein. Bei den Weißroten mit Roland Lang stehen zwei ältere Waldmännlein mit grünem Hut, der eine mit einem zünftigen Vollbart, und der gut genährte Junge außen in der Reihe hat ein T-Shirt an, auf dem ganz groß Miami Beach steht. Auf dem Plakat der Tapferen geht gerade die Titanic unter, das wäre also das römische Staatsschiff. Bei den anderen auf der anderen Straßenseite sucht man vergeblich nach Farbtupfern und transatlantischen Anleihen. Um Alessandro Urzì, dem Rechtsaußen-Verteidiger der „squadra tricolore“ im Landtag stehen gerade mal fünf Männer hinter dem Plakat. Etwas grau wirken sie, obwohl einige weiße Polos anhaben. Mit einer kleinen Retusche könnten die sofort zu prächtigen Schwarzhemden mutieren.

Szenenwechsel in die Freiheitsstraße: längst, nachdem sich die Türen zum Kurhaus hinter Offiziellen und Geladenen geschlossen haben, hält eine sehr junge, hoch gewachsene Polizistin im Zivil die Stellung. Sie telefoniert gerade mit zwei Handys gleichzeitig, eines links, das andere rechts am Ohr. Sie kündigt ihrem unsichtbaren Gegenüber an, dass sie um so und so viel Uhr in Verona und dann in Bologna sein werde. Blaues Hosenkostüm, blond, blaue Augen, teure Uhr, könnte gut und gern auch eine Jungmanagerin eines multinationalen Konzerns sein, der Look ist europäisch und passt einwandfrei genauso für Mailand wie für London, Hamburg oder Paris. Dem eher kleinwüchsigen Carabiniere im Hintergrund kugeln fast die Augen heraus, hätte er nicht seine dunklen, ovalen Sonnenbrillen auf. Zusammen mit dem schwarzen Bärtchen, den roten Hosenstreifen und der schwarzen Uniformmütze mit dem viel zu groß wirkenden Abzeichen des geschwungenen Feuerschweifs aus einer Granate in Gold und Silber ist er der südländische Kontrast zu seiner Kollegin. Seine Blicke gelten nicht der Staatsräson drinnen im Saal, auch nicht der modischen Fasson der Ordnungshüterin, einfach nur und wortlos redend dem anziehend Weiblichen.

Jetzt fährt endlich auch die Wagenkolonne von Österreichs Staatspräsident Heinz Fischer ein, vorbei an den politischen Randbemerkungen an der Postbrücke und beim Würstlstand. Bis zum roten Teppich ist es nicht weit. Da sagt eine Frauenstimme: „Arriva il tedesco!“ Das ist Volkes Stimme und seit den fernen Tagen des Risorgimento nichts Neues. Da schwingt immer noch Angst und Ablehnung vor allem Deutschen mit. Als die Präsidenten und ihre Eskorten längst schon im Kurhaus verschwunden sind, warten Leute immer noch auf etwas Sehenswertes. Sind wir zu spät dran, fragt eine deutsche Meranerin. Ihre beiden Söhne scheint es nicht weiter zu stören. Ein Stückchen weiter verkündet eine italienisch sprechende Frau aus dem Osten ihrer Freundin, dass in diesem Land eigentlich Englisch gesprochen werden sollte, das mit den zwei Sprachen sei alles Käse, eine Putzfrau muss auch noch Deutsch können, so was, mit wem redet sie wohl, etwa mit den „bidoni“, den Papierkörben? Nein, Englisch, „la lingua più parlata“, das wäre das Richtige! Aber jetzt ist Mittagszeit, und in den Sprachfahnen der Handygespräche spielen Staatspräsidenten und Politik überhaupt keine Rolle mehr, nein, da geht es um Salat, Huhn, nicht zu viel bitte, nur etwas Leichtes. Um Essenszeiten und wer kochen soll. Auf der Promenade und auf dem Korso vor dem Kurhaus wird es merklich dünner. Dagegen füllen sich die Tische der Cafés und Wirtshäuser in der Altstadt. Das Leben geht ganz ohne Präsidenten weiter und die Einheimischen haben alle Hände voll zu tun, um ihr Geschäft zu machen. So wie die immer freundliche Claudia Grüner im Hotelcafé der Thermen oder das nette, beflissene Pärchen im Genussmarkt „Pur“. Dass heute in Meran das erste Mal die Staatsoberhäupter Österreichs und Italien zusammen gekommen sind, dass beide ein Bekenntnis zu Freundschaft, Friede und gegenseitigem Respekt als gleichberechtigte Europäer abgelegt haben, dass sie dabei Südtirol in ihre Mitte nehmen – diese bedeutsame Willenserklärung nach so schweren Zeiten und trotz aller hart umkämpften Fragen wird sich im Bewusstsein der Leute wohl erst später einprägen.

(dege)