Schottlands Streben nach Unabhängigkeit ist kein „Unfug“, wie Prof. Pelinka meint. Entscheidend ist der Wille, ein selbstverwaltetes Gemeinwesen haben zu wollen. Das hat rein gar nichts mit Nationalismus zu tun.
„Südtirol ist nicht Schottland“ – Neue Südtiroler Tageszeitung, 5. September 2014. Große Titel-Fotomontage. Anton Pelinka im Interview. Kernsatz: „Also das Selbstbestimmungsrecht ist aus meiner Sicht vom Grundgedanken her ein gefährlicher Unfug“. Pelinka reduziert die schottische Unabhängigkeitsbewegung („sehe da wenig Neues“) auf den Begriff „Nationalismus“, der für ihn „expansiv“, „aggressiv“ und „grauslich“ ist. Professor Pelinka, reden Sie hier als Wissenschafter oder als Meinungsmacher? Hier wird ein wissenschaftlicher Anspruch vorgelegt. Doch hört man nur Meinung.
Willensnation ist das Stichwort
Das Volk und die Selbstbestimmung halten sich zum Glück nicht an professorale Wissenschaft. In der Wirklichkeit haben wir zwei grandiose Beispiele, wo das Volk mehrsprachig und aus unterschiedlichen Kulturen kommt, und wo die Selbstbestimmung erfolgreich erkämpft und durchgesetzt wurde: Es sind dies die Vereinigten Staaten von Amerika und die Schweiz. Zwei große „Willensnationen“. Als Politikwissenschaftler (und mein ehemaliger Lehrer) wissen Sie unendlich viel besser als ich, was der Nationalismus des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts war. Umso mehr bin ich verwundert, dass Sie in den neuen Strömungen „wenig Neues“ sehen – Sie wollen damit wahrscheinlich sagen, dass die „Sezessionsnationalismen“ wie Sie das nennen, eigentlich nur lästige Nachläufer der bekannten damaligen Nationalismen seien und entsprechend unheilvoll.
Menschenrechte sind auch kein Unfug
Natürlich teile ich Ihre Meinung, wenn wir auf die Anwendung und Anwendbarkeit des Wilsonschen Ideals in der Zeit ab 1918 sehen, und natürlich ist das Selbstbestimmungsrecht als universales Menschenrecht der Vereinten Nationen nichts, wofür man sich ein Butterbrot kaufen könnte. Aber es schmeißt ja auch niemand die Menschenrechte weg, nur weil deren Durchsetzung schwierig bis unmöglich ist und weil sogar deren Verfechter und Treuhänder diese Rechte nicht selten zynisch zu ihrem Vorteil nutzen oder sie bei anderen einfordern und selber nicht einhalten. Deswegen ist das Menschenrecht kein gefährlicher Unfug.
Staaten bilden sich nicht nach physikalischen Gesetzen
Versuchen wir nicht, alle neueren Staatengründungen über einen Kamm scheren zu wollen. Sie wissen sehr wohl, dass die neueren Staatenbildungen im östlichen Europa, vom Kosovo bis zur Slowakei, von Slowenien bis zur Ukraine, ganz eigene und jeweils andere Voraussetzungen hatten und haben, als das, was sich jetzt in West- und Mitteleuropa anbahnt. Überhaupt setzt die Fragestellung, „Was hat Südtirol mit Schottland gemein?“ voraus, dass es so etwas wie objektive, quasi physikalische Bedingungen für das Entstehen von Eigenstaatlichkeit gäbe. Das ist nie der Fall.
Sich nicht vom Kampfbegriff Sezession beeindrucken lassen
Die neuen Bewegungen im Westen Europas, die der Schotten, Flamen, der Basken, der Katalanen, der Sarden und Sizilianer, der Veneter und Lombarden – bis hin zu den Tirolern, die so spät wie 1920 in ein unangemessenes Staatsgebilde gezwängt wurden –, alle diese Bewegungen sind völlig unzutreffend mit „Nationalismus“ und „Sezession“ zu beschreiben. „Sezession“ ist ein Kampfwort ebenso wie „Terrorist“. Kampfwörter werden im Informationskrieg über die Medien eingesetzt, um den Gegner herabzuwürdigen, zu schwächen und als das Böse überhaupt hinzustellen. Das Kampfwort „Sezession“ gebrauchen die Nationalstaaten, wenn sich eine ihrer Regionen politisch selbständig machen will. (Das wissen wir in Südtirol am besten).
Das Internet lehrt vernetzte Eigenständigkeit
Diese uralten, nach Selbständigkeit strebenden europäischen Regionen wie Schottland tun etwas sehr Modernes: Sie folgen dem technologischen Fortschritt, der das Leben und die Gesellschaft verändert. Das Internet hat uns neu gelehrt, wie Vernetzung und Eigenständigkeit gleichzeitig geht. Die Weltwirtschaft und ihre Unternehmen agieren in kleinen, möglichst eigenständigen Einheiten, um den Konzernerfolg als Ganzes zu optimieren. Jeder Konzernlenker hat sich vom starren Zentralismus schon längst verabschiedet – im Namen von Machbarkeit, Erfolg, Gewinn, Vernunft. Das, was die Wirtschaft längst begonnen und schon vielfach vollendet hat, das beginnt sich jetzt in der Politik zu rühren.
EU ein mastodontisches Kopf-Produkt
Denn was ist unsere politische Großwetterlage heute? Die Globalisierung ist in vollem Gang, dabei werden massiv Gewichte verschoben, deren Reibung neue Konflikte schafft. Wir haben eine mastodontische Europäische Union der Eliten, der Lenker Ferndenker sind. Die können nicht mehr tun, was die bare Wahrnehmung sagt, sondern sie müssen dreimal um die Ecke denken und aberwitzige Dinge veranlassen, um angeblich ganz edle Ziele zu erreichen. Über dieses Kopf-Konstrukt ist niemand froh außer vielleicht die Großbanken, die EU-Großbürokratie und abgezählte Profiteure.
Leute wollen ein anderes Europa
Die Leute an der Wurzel wollen Europa. Aber sie wollen, dass Europa den Profit der Einigkeit für sie und ihr vertrautes Umfeld abwirft. Sie wollen gerne Weltbürger sein, sie wollen gerne allgemeine Spielregeln, sie wollen Vernetzung, auch Solidarität – aber sie wollen das europäische Haus nicht als Superstaat mit fernen Eliten, sondern als Miteinander von kleinen, beweglichen, selbstverwalteten Einheiten, die im fairen Wettbewerb zueinander stehen. Mit der vollen Verantwortung für das eigene kleine Land. Kommen Sie, Professor, legen Sie die Brille von gestern ab und trainieren Sie Ihr freies Auge. Vielleicht fällt Ihnen dabei was auf. Nicht als Meinungs-Vortragender, sondern als Forscher.
Nachruf
Vor wenigen Tagen im Oktober 2025 ist Prof. Anton Pelinka gestorben. Friede seiner Seele.
Editorische Wanderung
Urveröffentlicht wurde dieser Artikel auf dekas.it am 5 Sept 2014. Ohne Nachbearbeitung auf nuis.it übertragen am 02.04.2023. Mit einigen Kürzungen auf dekas.blog gestellt am 10.10.2025 mit Datum 5 Sept 2014, als Schottland aktuell war.
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