In der Ortsnamenforschung überwiegt das Physikalische, das Heilige kommt zu kurz.
In der Deutung von Ortsnamen finden sich mehrere Erklärungsfelder. Das häufigste ist die Herleitung aus Naturgegebenheiten („am Bach“), das zweite ist die Herleitung von Volks- und Personennamen („Gertraud“), das dritte ist das Kultische.
Der Keltomane Pater Sebastian ist der Deuter, der am meisten auf die Naturgegebenheiten geht, das Kultische aber nicht außer Acht lässt. Schön etwa hier: „Zerz […] Alpe der Burgeiser mit einem Kirchlein zum hl. Martin; stammt das Wort aus dem i. ceirt (gezischt) = Garten, weil der Platz ein ringsum von Anhöhen umschlossener Garten, zugleich der Lustgarten der auf diesen Anhöhen hausenden Feen zu sein scheint.“ (Celtenthum S. 47)
Auf gewöhnliche Personennamen gehen andere: „[Es] geht die Vermutung der Sprachforscher dahin, daß [hinter Marling] der langobardische Personenname Marinu steht.“ (Zitat aus ‚Der Name „Marling“ in den Urkunden bis 1300‘, Dorfbuch Marling).
Tarneller liefert Natur und Person eng beinand: „Tscherms. Vom Haslachtal oder Lewenberger Grében bis zur Rafein, wo die Gemeinde Lanan beginnt […] 1229 ad Zerm, zu lat. acer, acernus“; darunter: „Basling: 1220 Beslan GCh. 169; Basilianum vom PN. Basilius Uf. 8.“ (Die Hofnamen im Burggrafenamt, 1909)
Acer bedeutet Ahorn, acernus wohl Ahorn-Hain (andere leiten Tscherms vom lateinischen Wort für Schilf ab). Seit 1897 ist Tscherms eigene Gemeinde mit dem Ortsteil Basling oder Baslan, bei dem Tarneller die Erklärung eines römischen Gutsbesitzers namens Basilius oder Basilian akzeptiert. Nur eine der drei hier genannten Autoritäten berücksichtigt einen Faktor, der in der etymologischen Literatur zu den alpenländischen Ortsnamen eigentlich zu kurz kommt – nämlich das Kultische, Heilige, man könnte auch sagen, der Totem-Charakter eines Ortsnamens.
Die Tatsache, dass in der Forschung das Augenmerk so sehr auf das Physikalische, Profane, Praktische, Besitzende oder Militärtechnische gelegt wird, wird wohl auf den naturwissenschaftlichen Geist des 19. Jahrhunderts zurück gehen. Dabei sollte das Geistige, der Zauber, das Totem, das Heilige viel stärker berücksichtigt werden. Dieser Frage widmen sich die kommenden Folgen.
In der nächsten Folge von ETYMO AM SAMSTAG: Namen sind heilig