Die „Dolomiten“ rühmt das Tramezzino als italienische Erfindung.
Früher einmal war die „Dolomiten“ dafür bekannt, den „Todesmarsch der Südtiroler“ (so der Zeitungsgründer Kanonikus Michael Gamper) stoppen und das Deutsche in Südtirol verteidigen zu wollen. Das ist schon ein Menschenalter her. Die Redakteure heute scheint’s lieben eher die leichtere (und seichtere) Art von Leben. Jedenfalls besingt die „Dolomiten am 14 Jan 26 vollmundig das gute alte, britisch-amerikanische Sandwich* als – man staune! – eine italienische Erfindung.
Nur weil das Sandwich hierzulande „tramezzino“ heißt, ist die Urheberschaft nicht gestiftet, meine Damen. Im Weinbergweg wird schon das Büchlein eines gewissen „Ale“ (Alessandro) die Anregung dazu gegeben haben (Deutsch 2023 in der „Edition Bonn-Venedig“). Im Original: ‚I miei Tramezzini: e i segreti della nostra cucina‘. Di Alessandro Coppo. 2016. Der sympathische, junge Barman gibt zwar zu, dass das tramezzino eine britisch-amerikanische und keine italienische Erfindung ist, aber das immaterielle Kulturerbe anderer ist seine Sache nicht: „Bah. Ma davvero vi frega qualcosa dei tè inglesi dell‘800?
Dafür fotografiert er eine Messingplakette in Turin, um die Urheberschaft „in Italia“ zu dokumentieren. Und auch hier ist es nix mit der italienischen Originalität. Denn wie er selbst schreibt, begann die Signora Angela belegte Brote zu machen, wie sie sie in Amerika gesehen hatte: cominciò a preparare tramezzini dopo averli visti ‘in Merica’. Klassischer Fall. So wie die Pizza und die Carbonara auch. Zuerst in den USA, später auf amerikanische Art in Italien reich zubereitet: „e da lì fu un successo su tutta la linea“ (A. Coppo).
Der clevere Brötchenverkäufer gibt dem Tramezzino dann den ebenso fetten wie unvermeidlichen Chauvi-Aufstrich: Nationalpoet Gabriele D’Annunzio habe das amerikanische Sandwich in Tramezzino umgetauft: „fu lui“, sagt Coppo, er war’s (man übersetze: Legenden sind schön). Und legt, d*** wie Weißbrot, nach: „vi ricordo che in periodo fascista (e non solo) si era soliti tradurre“. Im Faschismus („und nicht nur damals“) war es normal, alles Englische auf Italienisch hinzubiegen. Also frohlockt Barmann Ale: „pussa via sandwich chè qua siamo in Italia.“ Schleich dich, Sandwich, hier sind wir in Italien!
Der superweiche Gastrofaschismus scheint der „Dolomiten“ großartig zu schmecken.
Fussnote:
*) Benannt nach John Montagu, Earl of Sandwich (ca. 1760), der belegtes Brot ohne Brotrinde liebte. Das Wegschneiden der Brotkrume wurde so zum Kennzeichen des „Sandwich“.