DER NAME MERAN

10. Januar 2026

(ETYMO) Was leuchtet, ist erhaben, herausragend, schön zum Anschauen, wie eben Meran.

„Aus Innsbruck wird uns folgende kleine onomatologische Plauderei gesendet“, titelt die Meraner Zeitung am 10. Mai 1903, wohl ahnend, dass es sich um einen Liebhaberbeitrag handelt und weniger um eine wissenschaftlich stich- und hiebfeste Erkenntnis. In diesem Artikel führt der (unbekannte) Verfasser den Namen Meran auf „Mar-an, Muhr-an = an der Muhr“ zurück, ebenso wie Lana aus „Lanan aus Lahn-an = an der Lahn“.

Meran ein Ort an der Mur, am Geröllhaufen? Das graust. Das widerspricht jedem Schönheitsempfinden – das Menschen wohl immer gehabt haben, zusätzlich zum Stolz auf ihren Heimatort, der etwas Außergewöhnliches verlangt, nicht die Nähe zu einem Dreckhaufen. Ausserdem müsste dann im Gebirge jede zweite Siedlung so ähnlich heißen wie Meran oder Lanan, denn wie viele liegen nicht auf den Anhöhen oder zu Füßen der Schwemmkegel?

Nein, Mer ist mehr und Mar  ist marvellous! Marling und Marmor hatten wir schon (siehe dekas.blog hier). Selbiges gilt für Meran, Marling, Mareit und alle anderen „Mar“ in der proto-europäischen Sprachzeit. Was leuchtet, ist erhaben, herausragend, optisch und physisch vorstehend, auffällig, schön zum Anschauen, einfach nur „marvellous“, „meraviglioso“ (von lat. mirabilia, von mirari, schauen), markant wie eine Marke (schon wieder „mar“) oder gar „märchenhaft“ (einer Mar, einer Sage wert).

Ich glaube, mit diesem noblen Ansatz kommen wir sowohl dem Hügel von Marling als auch dem gegenüber liegenden Meraner Segenbühel schon viel näher, auch wenn meine Etymo ganz bewusst Phantasie ist. Jetzt zur Herkunft des Namens „Meran“. Das „a“ und das „e“ schiftet ja schon deutlich im Bespiel  „Marling“ (Merninga), es gibt also keinen Hinderungsgrund, nicht Maran zu sagen. Ein gar nicht so alter, volkstümlicher Name für Meran ist „Marun“. Von da weg ist es nur mehr ein Flohsprung zu „Maraun“, das tief in die vorrömische Zeit blicken läßt (siehe „Ligiaun“ für Lugano u.v.a.).

Nach meiner helleno- und übrigens auch keltophilen „Marmor“-Deutung müßte die Siedlung ursprünglich auf oder hart am Segenbichl gelegen haben, dort, wo man heute hinter der Pfarrkirche St. Nikolaus zur Saxifraga auf den Tappeinerweg und zum Pulverturm hinaufgeht. Von weit her gesehen, würde das die Stellung „leuchtend, erhaben“ rechtfertigen. Natürlich werden die Romanisten unter den Namenforschern gleich mit dem „Mar“-Hof kommen, abgeleitet von Major (lat.) von dem der tirolische Moar, und die deutschen Maier, Mayr, Meyer kommen. Und sie würden einem so verstandenen, landwirtschaftlichen Stützpunkt der Kolonisation auch die ganzen Marein, Mareit, Marling, Margreit, Meran und Meransen unterordnen. Mag ja für einige zutreffen, für alle sicher nicht. In der Vorzeit gab es viele heilige, aber nur wenige Ortsnamen, die schablonenhaft nach Sortierung, Hierarchie und Personenkult geordnet waren, wie das die Römer liebten. Ich bleibe bei „Mar“ und „Mer“ als etwas Wunderbares.

In der nächsten Samstag-Folge von Etymo: Pfarrer Sebastian Heinz