Vor über hundert Jahren: „Die modernen elektrischen Wagen bedeuten einen Triumph der heutigen Technik“.
Meraner Zeitung, Freitag, 25. Juli 1913
Verbreitung der elektrischen Fahrzeuge.
Wir entnehmen der „N. Zür. Ztg.“:
Noch vor wenigen Jahren glaubten nur kühne Optimisten daran, daß das elektrische Automobil einmal in ernsthafte Konkurrenz mit dem Benzinwagen treten könnte. Und heute stehen wir schon vor dieser Tatsache, wenigstens da, wo es sich um den Nahverkehr handelt. Hier hat das Elektromobil sich einen hervorragenden Platz im heutigen Verkehrsleben zu verschaffen gewußt. Den Vorteil der fast unbeschränkten Ueberlandfahrten wird das Benzinautomobil wohl für sich behalten und es wird daher für den Reiseverkehr als Tourenwagen, als Militärautomobil, überhaupt als schnelles Fahrzeug auf langen Strecken allein in Betracht fallen.
Aber wie unendlich groß ist neben diesen Fernfahrten die Verwendungsmöglichkeiten von Automobilen im Lokal- und Nahverkehr! Und gerade hier kommen nun die Vorteile das Elektromobils ganz besonders zur Geltung. Für den internen Stadtverkehr und den Vororteverkehr sind elektrische Lastwagen, Camionagewagen, Lieferwagen aller Art, Omnibusse, Krankenwagen, Aerztewagen ec. jetzt schon in großer Zahl vorhanden und ihre stete Vermehrung darf wohl als Beweis aufgefaßt werden für die allgemeine Beliebtheit, deren sie sich erfreuen.
Es liegt aber auch etwas Verblüffendes in dem einfachen Betrieb und Unterhalt solcher elektrischer Wagen, deren Mechanismus an Einfachheit kaum übertroffen werden kann und daher nur selten zu Reparaturen Anlaß gibt. Die Führung des Wagens kann jeder verständigen Person anvertraut werden, was zusammen mit dem Umstand, daß gar nie mit übermäßiger Geschwindigkeit gefahren werden kann, einen Vorteil bedeutet, der allgemein anerkannt wird. Deshalb sind auch dem Elektromobil vielerorts von den Verkehrsbehörden besondere Vorrechte eingeräumt worden. Besonders hervorzuheben ist die Geräusch- und Geruchlosigkeit dieser Fahrzeuge, der Wegfall von Feuer- und Explosionsgefahr und die überaus bequeme Art der Energieaufnahme an den Ladestellen durch einfaches Anstecken des Anschlußkabels. Infolge wesentlicher Verbesserungen in der Konstruktion der Motoren sind jetzt mit einer Ladung Fahrtleistungen von 70 bis 120 Kilometer, je nach der Wagentype, sehr gut möglich. Mit noch größeren Distanzen werden allerdings Zwischenladungen notwendig sein. Wenn man aber bedenkt, daß die mittlere Tagesleistung von Pferden höchstens 35—40 Kilometer erreicht, so genügt der elektrische Wagen schon sehr weitgehenden Ansprüchen. Es wird dem Elektromobil gelegentlich auch vorgeworfen, daß es für sehr starke Steigungen ungeeignet sei. Dem gegenüber ist aber festzustellen, daß das Ueberwinden von Steigungen dem elektrischen Wagen ebenso gut möglich ist, wie jedem andern Automobil. Auch in bezug auf die Karosserie ist das Elektromobil derart vervollkommnet worden, daß sich die heutigen modernen Typen von anderen Kraftwagen kaum unterscheiden. Noch ein Faktor ist erwähnenswert, nämlich die geringen Betriebskosten der elektrischen Fahrzeuge. Der elektrische Strom wird überall zur Zeit des geringen Lichtbedarfs, also zur Tageszeit, zu stark reduziertem Tarifsatz abgegeben. Die Werke haben ein Interesse daran, ihren Tagesstrom oder den Spätnachtstrom abzusetzen, um eine bessere Ausnutzung ihrer Anlagen zu erzielen, und so wird sich dieser Strom voraussichtlich noch weiter verbilligen, nachdem das flüssige Brennmaterial, Benzin, Rohöl bis jetzt im Preise stets gestiegen ist.
Die modernen elektrischen Wagen bedeuten einen Triumph der heutigen Technik und ihres rastlos schöpferischen Fleißes. Ein großes Verdienst aber an der Vervollkommnung und Verbreitung dieser Fahrzeuge gebührt der schweizerischen Industrie, besonders den einheimischen Firmen Tribelhorn u. Co., Feldbach, und der Akkumulatoren-Fabrik Oerlikon. Auch eine Anzahl Elektrizitätswerke und Private haben an der Verbreitung beigetragen durch Errichtung von öffentlichen Ladestellen, so daß jetzt schon ein großer Teil der Schweiz, mit einem Netz gut verteilter Ladestationen versehen ist. G. G.
Quelle: digital.tessmann.it mit Dank