ZWERG ATHESIA RIESE RAI

Dienstag 28. April 2026

Medienland Südtirol. Eine Frage der Perspektive.

Was ist klein und was ist groß? Wir Berg- und Talmenschen wissen, das ist eine Frage des Standortes und der Aussicht. Als der europäische Begründer des Koordinatensystems René Descartes die Unzuverlässigkeit des Augenscheins beweisen wollte, brachte er die Wahrnehmung eines Turmes vor – aus der Ferne winzig, aus der Nähe riesig. Bergwanderer haben diese gewöhnlichen optischen Täuschungen hundertfach, und sie machen ja mit den Reiz des Berggehens aus. Also müsste man meinen, Bergler wie wir Südtiroler wären geübt, Größenverhältnisse richtig einzuschätzen. In Gesellschaft und Politik gelingt das weit weniger als beim Wandern. Selber halten wir uns für die Besten und Größten, nur um im nächsten Moment anbiedernd bis duckmäuserisch unsere kleine Rolle auszuspielen.

ZWERG ATHESIA

Ein ähnliches Vexierspiel, nein, die alte Leier, gibt es in den „wachen“ Medien unseres klitzekleinen Landes jedes Mal, wenn die private Athesia – Verlagsanstalt, wie es früher hieß – ein Stück Zeitung oder Rundfunk dazukauft: In einem Leser-, Hörer- und Zuschauer-Becken, das gerade einmal über 400.000 potentielle Nutzer verfügt. Das ist nicht wenig, das ist nichts! Wer hier ein paar Privatradios und Bezirksblätter oder ein Fernseh-Senderle zusammenkauft, der besitzt kein „Monopol“, sondern tut unserem Mini-Flickenteppich-Land sogar einen Dienst.

ELEFANT RAI

„Dass jemand alles hat, das darf doch nicht sein“, sagte eine Landsmännin zur jüngsten Einverleibung des „Bartl“-Funks (Radio 2000 etc.) durch die Athesia. Ja sieht denn niemand den Elefanten im Raum?

Mächtig steht sie da, die RAI Radio Televisione Italiana, Ableger Südtirol, der gute alte Sender Bozen, nur halt groß aufgepumpt mit jährlich 20 Millionen Euro zusätzlichen Zuwendungen aus dem Landessäckel, mit einer satten Hundertschaft beamteter Redakteure und Techniker, mit Dutzenden freiberuflichen Zuarbeitern, mit drei Fernsehredaktionen und Kanälen, Deutsch, Ladinisch, Italienisch, dasselbe noch einmal im Hörfunk und im Netz.

Nun gut, mit dieser Armada gewinnt die hiesige RAI die fehlenden 70.000 potentiellen Nutzer der Italian Community dazu – eher theoretisch, denn Italiener schauen/hören lieber nationales und privates TV und Radio als das lokale Kleinklein, wie es die Deutschen lieben.

MARKT ODER POLITIK?

Gegen den Riesen RAI ist die vereinte Athesia samt „Dolomiten“ und allerlei Funk und Blattlen zwar nicht ein Zwerg, aber doch ganz klar der kleinere Meldungs- und Meinungs-Streuer an Etsch, Eisack und Rienz. Mit der schweren Last, sich zusätzlich zu den staatlichen Subventionen noch das Werbegeld zum Überleben besorgen zu müssen.

Eine Sorge, welche die herrschaftlichen Frauschaften in der RAI Südtirol/RAI Ladina/RAI Alto Adige nicht haben. Keine Angst, niemand beneidet sie darum, denn wer das warme Nest nicht vom Markt, sondern von der Politik bekommt, der bezahlt das mit Intrigen und der ganzen übrigen Palette von Emotionen zum Zwecke des Weiterkommens, was auch eine schwere Belastung ist, nur anders.

Der junge Ebner - Ein Kaufmann wie aus dem 19. Jahrhundert. (c) FF Ludwig Thalheimer

WER DARF, WER NICHT?

Selbstverständlich geht es bei dem Geschrei um die Athesia nicht um groß oder klein, nichts oder alles, sondern darum, wer das Megaphon hat und die Synapsen der Masse modellieren darf.
Da ist mir eine klar erkennbare Unternehmerfamilie lieber als ein Pulk von Funktionären und Journalisten („tesserati“), von denen kein Mensch so richtig weiß, warum gerade die  nach oben kommen und warum sie sich so schwertun mit ihrem eigentlichen Auftrag einer berichtenden und unparteiischen Information oder einer „ge-hörigen“ Unterhaltung (Leserbriefe gegen die anglophone Plätscher-Musik im Hörfunk von RAI Südtirol sind legio).


Im Titelbild eine unberglerische Variation zu Perspektive, Standort, Aussicht, groß oder klein, Jäger und Gejagter: Standbild aus Steven Spielbergs Erstlingsfilm „DUEL The Most Bizarre Murder Weapon Ever Used“ © Steven Spielberg 1971

Das Bild von Georg Ebner ist aus/gehört dem „ff Südtiroler Wochenmagazin“, das den Zukauf von lokalen Radiosendern der Athesia zur Monopolgeschichte mit Führer-Touch stilisiert („Ein Land, eine Stimme“) in der Ausgabe vom Donnerstag, 23. April (Georgi-Tag!) 2026.