WOHER KOMMT DER ZUCKER?

Freitag 3. Juli 2026

Aus Magdeburg. Kein Witz!

Man denkt in der großen Weltgeschichte kaum dran, wie sehr der Aufstieg zur Großmacht mit scheinbar einfachen Lebensstoffen zusammenhängt: Salz, Getreide, Kartoffel, Zucker, Pfeffer, Kaffee …und welche ungeahnt produktiven Folgen Sanktionen haben können.

Ein Lehrstück dazu erzählt uns Magdeburg.

Bevor das Erdöl die Geschicke der Erde zu lenken begann, war es der Zucker. Beides reine Energie. Es waren die Engländer, die den Zucker in der Hand hatten, ein Quasi-Monopol. Seefahrt und Kolonien begründeten die Macht des British Empire, und der Zucker brachte das Geld. Von Indien hatten die Briten die Anpflanzung von Rohrzucker in die Karibik verlegt und immens vergrößert. Von dort schifften sie das braune Gold nach Europa und machten Geschäfte mit unglaublichen Gewinnspannen. Die Kontinentaleuropäer – Deutsche, Österreicher, Schweizer, Polen, Russen, usw. – zahlten den Rohrzucker am teuersten.

Da machten sich findige Deutsche daran, dem Missstand abzuhelfen. Andreas Sigismund Marggraf hatte 1747 nachgewiesen, dass im Rübensaft Zucker enthalten ist. Nun begann man in Deutschland, die Rüben systematisch zu züchten und den Zuckergehalt zu steigern. Das Ziel war, sich frei zu machen vom Zucker der Engländer und den holländischen und französischen Zwischenhändlern. 

Marggrafs Schüler Franz Karl Achard entwickelte um 1800 ein Fabrikationsverfahren für die Zuckerrüben.

Die schnelle Entwicklung im Herzen Europas kam nicht von ungefähr. 1806 verbot Kaiser Napoleon Bonaparte die Einfuhr von britischen Waren (Kontinentalsperre). Darunter litten besonders die Länder des Festlandes ohne größere Besitzungen in Übersee oder mit beschränkten Zugang zum Meer wie eben Deutschland und Österreich.

Es war aber genau diese Blockade, d.h. diese Sanktionen Napoleons gegen den Kriegsfeind England, die den Turbo der deutschen Zuckerrübe zündeten.

Jetzt kommt die Stadt Magdeburg im Königreich Preussen ins Spiel. Magdeburg ist die Heimat der Zichorie. Die Wurzel der gemeinen Wegwarte wird angebaut, gedörrt, gebrannt und gibt so einen herrlichen Kaffee ab (1). 

Ronald Floum: «Schon 1765 war die Magdeburger Börde als ‚preußischer Kaffeegarten‘ bekannt. Um 1800 arbeiteten mehr als 700 Menschen an der Herstellung von Kaffeeersatz aus Zichorienwurzel. Schließlich galt der echte ‚Bohnenkaffee‘ noch als ein fast unerschwingliches Luxusgut.» 

Magdeburg hatte aus der Not eine industrielle Keimzelle geschaffen. Auf ihr konnten Achards Erfindungen aufsetzen. Bereits 1825 war die Rübenzuckerindustrie in Deutschland betriebsreif. Bis Ende des 19. Jahrhunderts sollte die Zuckerrübe im Weltmaßstab ebenso viel Zucker erzeugen wie die traditionelle Rohrzuckerindustrie in Übersee.

Da der Anbau der Zuckerrübe viel Dünger benötigt, mussten Düngemittel erfunden (Chemie!) und industriell hergestellt werden. Auch hier wurde Deutschland führend. Ersatz-Kaffe und Zuckerrübe sorgten dann für den Schub im Maschinenbau. Alles zusammen genommen, wurde aus einem Agrarland wie Preußen durch Kaffee und Zucker eine Industrienation mit erheblichem militärischen Potential (das und dessen Folgen wir alle kennen). Am Anfang stand eine Wurzel und eine Rübe.


(1) Übrigens ist die belgische Chicoree ist eine Weiter-Züchtung aus der Magdeburger Zichorie. dekasblog hier.