Schottlands Streben nach Unabhängigkeit war für Pelinka „Unfug“.
Vor wenigen Tagen im Oktober 2025 ist Prof. Anton Pelinka gestorben. Friede seiner Seele. Er war mein Lehrer an der Uni Innsbruck. Zur Schottland-Debatte im Jahr 2014 hatte sich Pelinka in der Südtiroler Tageszeitung zu Wort gemeldet. Hier die Wiederauflage des Artikels, den ich damals verfasst habe.
„Südtirol ist nicht Schottland“ titelt die Neue Südtiroler Tageszeitung, 5. September 2014. Anton Pelinka im Interview. Große Fotomontage. Kernsatz: „Also das Selbstbestimmungsrecht ist aus meiner Sicht vom Grundgedanken her ein gefährlicher Unfug“. Pelinka reduziert die schottische Unabhängigkeitsbewegung („sehe da wenig Neues“) auf den Begriff „Nationalismus“, der für ihn „expansiv“, „aggressiv“ und „grauslich“ ist.
Willensnation ist das Stichwort
Als Politikwissenschaftler (und mein ehemaliger Lehrer) wissen Sie unendlich viel besser als ich, was der Nationalismus des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts war. Umso mehr bin ich verwundert, dass Sie in den neuen Strömungen „wenig Neues“ sehen – die „Sezessions-Nationalismen“, wie Sie das nennen, geltenn Ihnen als unheilvolle Nachläufer der alten Nationalismen. Doch haben wir grandiose Beispiele gelungener Selbstbestimmung, wo das Volk sogar mehrsprachig ist und aus unterschiedlichen Kulturen kommt. Es sind dies die Vereinigten Staaten von Amerika und die Schweiz. Zwei große „Willensnationen“.
Menschenrechte sind auch kein Unfug
Sicher ist Selbstbestimmung ein hohes Ziel, für viele unerreichbar. Es schmeißt ja auch niemand die Menschenrechte weg, nur weil deren Durchsetzung schwierig bis unmöglich ist.
Staaten kommen nicht aus der Retorte
Die neueren Staatenbildungen im östlichen Europa, vom Kosovo bis zur Slowakei, von Slowenien bis zur Ukraine, hatten und haben ganz eigene und jeweils andere Voraussetzungen als das, was sich jetzt mit Katalonien und Schottland in West- und Mitteleuropa anbahnt. Die Fragestellung „Was hat Südtirol mit Schottland gemein?“ setzt stillschweigend voraus, dass es so etwas wie objektive, quasi physikalische Bedingungen für das Entstehen von Eigenstaatlichkeit gäbe. Das ist nie der Fall.
Kampfbegriff Sezession
Die neuen Bewegungen im Westen Europas, die der Schotten, Flamen, der Basken, der Katalanen, der Sarden und Sizilianer, der Veneter und Lombarden – bis hin zu den Tirolern, die so spät wie 1920 in ein unangemessenes Staatsgebilde gezwängt wurden –, alle diese Bewegungen sind völlig unzutreffend mit „Nationalismus“ und „Sezession“ zu beschreiben. „Sezession“ ist ein Kampfwort ebenso wie „Terrorist“. Kampfwörter werden im Informationskrieg über die Medien eingesetzt, um den Gegner herabzuwürdigen, zu schwächen und als das Böse überhaupt hinzustellen. Das Kampfwort „Sezession“ gebrauchen die Nationalstaaten, wenn sich eine ihrer Regionen politisch selbständig machen will. (Das wissen wir in Südtirol am besten).
Das Internet lehrt vernetzte Eigenständigkeit
Diese uralten, nach Selbständigkeit strebenden europäischen Regionen wie Schottland tun etwas sehr Modernes: Sie folgen dem technologischen Fortschritt, der das Leben und die Gesellschaft verändert. Das Internet hat uns neu gelehrt, wie Vernetzung und Eigenständigkeit gleichzeitig geht. Die Weltwirtschaft und ihre Unternehmen agieren in kleinen, möglichst eigenständigen Einheiten, um den Konzernerfolg als Ganzes zu optimieren. Jeder Konzernlenker hat sich vom starren Zentralismus schon längst verabschiedet – im Namen von Machbarkeit, Erfolg, Gewinn, Vernunft. Das, was die Wirtschaft längst begonnen und schon vielfach vollendet hat, das beginnt sich jetzt in der Politik zu rühren.
EU eine Kopfgeburt
Denn was ist unsere politische Großwetterlage heute? Die Globalisierung ist in vollem Gang, dabei werden massiv Gewichte verschoben, deren Reibung neue Konflikte schafft. Wir haben eine mastodontische Europäische Union der Eliten, der Lenker Ferndenker sind. Die können nicht mehr tun, was die bare Wahrnehmung sagt, sondern sie müssen dreimal um die Ecke denken und aberwitzige Dinge veranlassen, um angeblich ganz edle Ziele zu erreichen. Über dieses Kopf-Konstrukt ist niemand froh außer vielleicht die Großbanken, die EU-Großbürokratie und abgezählte Profiteure.
Leute wollen ein anderes Europa
Die Leute an der Wurzel wollen Europa. Aber sie wollen, dass Europa den Profit der Einigkeit für sie und ihr vertrautes Umfeld abwirft. Sie wollen gerne Weltbürger sein, sie wollen gerne allgemeine Spielregeln, sie wollen Vernetzung, auch Solidarität – aber sie wollen das europäische Haus nicht als Superstaat mit fernen Eliten, sondern als Miteinander von kleinen, beweglichen, selbstverwalteten Einheiten, die im fairen Wettbewerb zueinander stehen. Mit der vollen Verantwortung für das eigene kleine Land.
Kommen Sie, Professor, legen Sie die Brille von gestern ab und trainieren Sie Ihr freies Auge. Vielleicht fällt Ihnen dabei was auf. Nicht als Meinungsspender, sondern als Forscher.
Editorische Wanderung
Urveröffentlicht wurde dieser Artikel auf dekas.it am 5 Sept 2014. Mit einigen Kürzungen auf dekas.blog gestellt am 10.10.2025.
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