NACHTRAGEND ZUR BEFREIUNG VOM FASCHISMUS

Mittwoch 29. April 2026

Haben Italiens Kontinuität über Krieg und System hinaus erfahren.

Habe mit Gewinn den Leitartikel von Arnold Tribus gelesen (eigentlich nur den halben, was halt sichtbar ist im Netz) in seiner nicht mehr Neuen Südtiroler Tageszeitung. Titel: «Juden? Seife!» (28 apr 26). Eine Anspielung auf die harten Anfeindungen der Partisanenjünger in Mailand gegenüber einer jüdischen Abordnung in der Demo zum «Tag der Befreiung» Italiens (25. April 1945).

Was ich auf der Titelseite der TZ «derlesen» habe, ist Tribusens Deutung des nationalen Gedenktages in Bezug auf «uns Deutsche» (Südtiroler). Lobenswert, dass Arnold Tribus nicht «Deutschsprachige» sagt.

Der Herausgeber des Anti-Dolomiten-Tagblattes stellt den Tatsachen entsprechend fest, dass dieser Festtag in Südtirol niemanden bewegt außer die paar Amtsträger, die sonst ohnehin mit der Trikolore-Schärpe auftreten. Dann aber macht er eine bemerkenswert ahistorische Einladung an das deutsche Gewissen: 

«Mich erschüttert es jedes Jahr aufs Neue, dass die Befreiung vom Faschismus ohne Deutsche gefeiert wird, wo uns der Faschismus doch so viel Leid und Schmerz zufügte, uns Grund und Boden nahm, uns zu Fremden im eigenen Land machte, uns unsere kulturelle Identität, unsere Sprache und Schule, unsere Bräuche, unsere Trachten die deutsche Presse, die deutschen Parteien, die deutschen Gewerkschaften – alles, was uns als Tiroler Volk auszeichnete.»

Ja, es ist wirklich erschütternd, gerade in dieser verdichteten Aufzählung, wie Italien seinen «Sieg» über uns Deutsche ausgekostet hat. Vielleicht ist es genau das, was wir nicht vergessen können.

Unverständlich ist unser Abstand nur, wenn einer zum Zauberstab greift und schwupps, «das demokratische Italien» aus dem Zylinder des ewig nationalistischen bis faschistischen Italien herauszieht. Arnold Tribus tut das mit diesem etwas eigenartigen tautologischen Satz:

«Dieses Regime wurde endlich besiegt, das demokratische Italien feierte die Wiedergeburt der Demokratie.»

Tut mir leid, aber dieses Italien kannten wir nicht. Alles war begeistert vom Faschismus – ganz Italien, 22 Jahre lang. So lange kann sich ein «demokratisches Italien» doch gar nicht verstecken. Die Franzosen haben wenigstens eine Exilregierung gebildet unter Charles De Gaulle, die Polen ihre Brigaden. Aber Italien? Der König? Die liberale Bourgeoisie? Die Technokraten und Magistrate, wo waren sie? Die italienischen Kommunisten nehme ich aus, sie waren geknebelt, und sie waren auch die einzigen, die, als das Kriegslos bereits sicher gefallen war, eine nennenswerte Resistenza abgegeben haben, alles andere erinnert an feile Trittbrettfahrer.

Uns Südtiroler hat die Geschichte außerdem noch etwas gelehrt: Der italienische Faschismus ist 1945 nicht besiegt worden. Anderswo, in Mailand und so, mag er in den Untergrund gegangen sein, vielleicht wie vor ihm das ominöse «demokratische Italien», aber bei uns heroben ist das Werk des Faschismus unter nationalen Vorzeichen und neuer, blütenweiser Etikette beinhart weiter betrieben worden. Die Chefs in Verwaltung, Polizei und Heer, es waren die alten Faschisten, nunmehr «Demokraten». Die haben uns dann die nächste Tragödie eingebrockt mit ihrer klammheimlichen Entnationalisierungspolitik, nämlich die Feuernacht von 1961 und die folgenden «Jahre aus Blei» (anni di piombo).

Diese Kontinuität Italiens über den Krieg und das System hinaus am eigenen Leib erfahren zu haben, das macht unser Verständnis von Faschismus aus, und es ist einzigartig in Europa (außer vielleicht die Katalanen, die das auch erfahren haben nach 1945, weshalb wir ihnen freundschaftlich verbunden sind). Deshalb ist es sehr despektierlich, wenn Arnold Tribus sagt:

«Und wir tun weiterhin so, als würde uns das alles nicht betreffen, obwohl wir ja nicht müde werden, als Opfer des Faschismus herumzuplärren und zu röhren».

Das Plärren und Röhren will ich nicht gehört haben. Klar betrifft der italienische Faschimus uns Südtiroler heute noch, weil wir (siehe Autonomiestatut) um  jeden Strohhalm von Frieden und Freundschaft froh sein und danach greifen müssen, damit das Ungeheuer, das immer noch vor unserer Tür lauert, nicht wieder zuschlägt.

Vor diesem Ernst der Lage wäre es einfach nur falsche Theatralik, in die pathetisch bis folkloristischen Feiern der ANPI-Nachfahren einzustimmen oder das Fussvolk abzugeben für die militärisch steifen Zeremonien der Staatsbehörden – zu einem Gedenktag, der jedes Jahr zur Blütezeit die Bewältigung einer Vergangenheit feiert, die von den Italienern noch nie bewältigt worden ist.