LAAS

Samstag 24. Oktober 2026

Ein Ausflug zur Heimatpflege

In Laas ist Markttag an diesem 24. Oktober 2026. Socken, Unterhosen und warme Holzfäller-Hemden werden von Arabern und Pakistani angeboten. Die ersten Hausfrauen und ältere Männer in Pension streifen im frühen Sonnenlicht durch die Stände. Ein hiesiger Marktler bietet Grabgestecke für das bevorstehende Allerheiligenfest an. Sie liegen ausgebreitet vor der Markuskirche. Ein Plakat erinnert an die Laaser Kulturtage und den Laaser Dichter Franz Tumler.

Die romanischen Steinlöwen an der Apsis der Laaser Pfarrkirche kümmert das wenig. Aus Marmor gemeißelt, wachen sie über Laas schon seit über 1.000 Jahren. Im Inneren des romanischen Kirchenbaus ist ein Bruchstück aus der Vorgänger-Kirche aufbewahrt. Der gehauene Stein zeigt ein ganz deutliches keltisches Band-Ornament, so als käme er aus Irland. Hierzulande gilt der Stil als karolingisch. Entsprechend wird der Bau der Ur-Kirche auf das Jahr 800 datiert.

Es ist das Jahr, in dem der Franken-König Karl zum römischen Kaiser gekrönt wurde. Laas und der Vinschgau standen damals unter fränkischer Herrschaft. Aber schon bevor die Franken vom Westen hier anrückten, waren Laas und der Vinschgau eine großartige und reiche Kulturlandschaft. Den Bau- und Kunststil jener Epoche nennen wir Romanik. Die Sprache, die gesprochen wurde, rätoromanisch. Laas ist tiroldeutsch mit einer rätoromanischen Seele. Das sieht man heute noch, und nicht nur an den beiden Kirchen. Die aus Stein gebauten Wohn- und Wirtschaftshäuser drängen sich dicht entlang der Haupt- und Durchfahrtsstraße. Der Marmor, der hier abgebaut wird, ist allgegenwärtig. Sogar die Bordsteine am Straßenrand sind aus Marmor. Und die Gräber sowieso.

Also wollte sich der Kultur- und Heimatpflegeverein Tscherms dieses Marmordorf Laas einmal näher anschauen. Nach dem süßen „Neunern“ (Zwischenmahlzeit am frühen Vormittag) im Patisserie-Café Greta begann die kundige Führung durch Susanne. Auf Berlinerisch. Die Liebe hat sie von Potsdam nach Laas gebracht. Nach all den Jahren ist sie immer noch begeistert. Sie lobt Theateraufführungen und das Kulturleben in Laas und sagt: Wo bekommt man in Berlin so etwas geboten?

Im alten österreichischen Bahnhof, der jetzt samt der Bahnlinie auf Ultra Super Modern getrimmt und restauriert ist, gibt es einen äußerst informativen und spannenden Video-Vortrag zum Marmorabbau in Laas.

Die Tschermser Ausflugsrunde lernt, natürlich virtuell, die Herren Gebrüder Strudel kennen, die dem Laaser Marmor die Türen zum Wiener Kaiserhof öffnen, die beiden sächsischen Marmor-Industrie-Pioniere Carl und Johann Steinhäuser, dann den ersten Industriellen des Vinschgau, Josef Lechner. Der baut auf der Welle des Erfolges von Tiroler Marmor bei der Weltausstellung 1873 in Wien ein richtiges Marmor-Imperium auf. Die Wertschöpfung blieb im Ort. Das änderte sich, als Südtirol mitsamt dem Vinschgau zu Italien kam. Eine halbstaatliche Gesellschaft zog ein und baute massenhaft Marmor ab, aber die Gewinne flossen gegen Süden wie die Etsch: in Laas schmal, ab Verona dick und breit. Erst in den 1990er Jahren kehrte der Marmor in heimische Hände zurück.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam die „Lasa Marmo“ einen industriellen Großauftrag. Das US-Militär bestellte 90.000 Grabkreuze in schneeweißem Laaser Marmor für die Gräber ihrer in Europa und Afrika gefallenen Söhne. Ein nächster Großauftrag war die Auskleidung der Zentralstation der U-Bahn in New York, der sie zu einer weißen Kathedrale der Technik macht. Dazwischen unzählige Grabsteine und Skulpturen. Heute wird Marmor als Baustoff verwendet. Laas ist in Abu Dhabi, Hollywood, und wo sonst noch der blaue Rauch aufgeht. Laaser Marmor ist widerstandsfähiger als der Carrara-Marmor (frostfest) und daher begehrt für Außenverkleidungen.

In Mairs Marmorwerkstatt konnte die geführte Reisegruppe das Handwerksgerät eines Bildhauers näher betrachten. Belustigtes Aufsehen erregte ein alter Grabstein, auf dem geschrieben steht: „Eine bescheidene und stille Frau ist durch nichts zu vertauschen.“

Die Marmor-Werkstatt am West-Ende des Dorfes liegt in einer ganz besonderen Kultur-Achse. Das romanische Sisinius-Kirchlein auf einem kleinen Felshügel, der einzige neben dem Tartscher Bühel, der im Tal selbst den Schliff der Gletscher aus der Eiszeit überlebt hat, macht den Anfang. Dann kommt Mairs Marmorwerkstatt. Dann ein mehrstöckiges Haus im venezianischen Stil aus der Mussolini-Zeit. Es wurde für die zugewanderten italienischen Familien (bei Bahn und Post) gebaut. Dann der österreichische Bahnhof und als Endpunkt dieser Achse der supermoderne E-Zug, der gerade beim Abfahren ist. Am Rand dieser gedachten Querachse schaut Kaiser Franz Joseph der Erste als gütiger Landesvater in Marmor über den vergänglichen Gang der Dinge und über die Zeit, die nicht aufzuhalten ist.