KIEW UND DAS SELBSTBESTIMMUNGSRECHT

Mittwoch 22. Juli 2026

Tango Americano.

Fang-fragt da ein SPD-Mann im Deutschen Bundestag, Juli 2026, einen AfD-Mann sinngemäß so: „Herr Frohnmaier, Sie halten wohl nichts vom Selbstbestimmungsrecht der Völker, da Sie in Ihrer Rede nicht ein einziges mal Putin kritisieren?“

Als würde die Ukraine nur ihr Selbstbestimmungsrecht gegen die Russen verteidigen und Putin mit seinem „völkerrechtswidrigen Angriffskrieg“ der Europa-schluckende Teufel sein. Lieber deutscher SPD-Michl, wie treuherzig ist das denn!

Habe selber idealisierend über das Selbstbestimmungsrecht der Völker geschrieben. Weil ich an die Kraft der Eigenständigkeit glaube. Und das Selbstbestimmungsrecht auch im Westen Europas noch lange nicht ausgedient hat. Doch es ist aufzupassen. Das eine ist das Naturrecht. Das andere ist die politische Waffe. Jenes, das hochheilig in der UN-Charta als Menschenrecht steht, ist beides.

Das von Amerika erfundene „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ war ursprünglich nicht mehr als das Mittel, um die vielsprachige Donaumonarchie geordnet aufzulösen, damals nach dem Ersten Weltkrieg. Ein Leitsatz, der Pi mal Daumen sagt, ein Volk, gekennzeichnet durch eine eigene, gemeinsame Sprache, soll einen eigenen Staat bilden, mit Grenzbalken, Briefmarken und Polizei.

Schon damals war das eine ganz holprige Sache. Die Tschechen durften, die Ungarn durften. Auf dem Balkan musste man erst künstlich das Volk der Serbokroaten erschaffen, aber zusammen durften sie. Die Italiener waren bei den Siegern und durften noch viel mehr. Sich ungeniert ein Stück Land mit deutscher Sprache und Kultur einverleiben: Südtirol, die Perle der Alpen.

Wer nicht durfte, das waren die Länder mit deutscher Muttersprache. Nach der groß angekündigten Regel ‚Eine Sprache, ein Staat‘ wäre das, was an Österreich vom Kaiserreich übrig war, gerne unter das gesamtdeutsche Dach gekommen. Die Republik Deutschösterreich wollte das, hielt sich für nicht überlebensfähig. Selbstbestimmungsrecht abgelehnt. Südtirol wäre gern bei Österreich geblieben. Selbstbestimmungsrecht abgelehnt. Es war also von Beginn an nicht das Selbstbestimmungsrecht der Völker, es war das Vergaberecht der Sieger.

Nach dem zweiten Weltkrieg wiederholte sich die Sache ähnlich, gut zu sehen an Südtirol – dort, wo das Prinzip am reinsten anzuwenden gewesen wäre. Zweimal verwehrt, weil zweimal als Verlierer von Kriegen dagestanden.

Kosovo vor Kiew

Der Kalte Krieg Amerikas gegen die Sowjetunion legte alle Staaten Europas sozusagen in Gips. Nichts durfte sich rühren. Doch gleich nach dem Fall der Berliner Mauer gab es schon den ersten heißen Krieg in Europa.

Der Westen sah es nicht gern, dass Serbien, der ewige Verbündete Russlands, wieder die tonangebende Macht auf dem Balkan werden würde. Also bombardierte die USA/NATO Belgrad und zwang die Serben in die Knie. Serbien musste seine südlichste Provinz hergeben, den mehrheitlich von Albanern bewohnten Kosovo.

Das Selbstbestimmungsrecht wurde aus der Mottenkiste geholt, um – darum ging es wirklich – den Einfluss Moskaus in dessen eigener geostrategischer Hemisphäre auszubremsen. Der Streich gelang: Kosovo 1993 stand Modell für Kiew 2014.

Die abtrünnige Serben-Provinz Kosovo durfte also einen eigenen Staat bilden unter dem Mantel des Selbstbestimmungsrechts der Völker. Gleich mit drein gehen ließ man auch die Sezession der Slowaken von den Tschechen (1993).

Im Westen nichts Neues

Das alles weckte viele Hoffnungen in Europa – auch im Westen. Die Schotten, die Katalanen, die Flamen. Sogar in Südtirol sagte man sich „Iatz!“ Vergebens. Niemand wollte sehen, dass der hehre Anspruch auf Selbstbestimmung allein von und für die Großmachtpolitik der USA eingesetzt und das Recht als solches missbraucht wurde. Auf dem Kontinent unterband Kanzlerin Merkel als wahre EU-Chefin und Gehilfin der Vereinigten Staaten alle Unabhängigkeitsbewegungen im Keim.

Ukraine, der große Brocken 

So kommen wir also in das Jahr 2014 nach Kiew. Hauptstadt der Republik Ukraine in den Grenzen der vormaligen Ukrainische Sowjetrepublik. Wie im Mutterland Russland war auch der Weg Kiews zur Eigenständigkeit ein steiniger. Das Territorium jenes aus der UdSSR, riesengroß und fruchtbar, mit dem Donbas ein Industriegebiet vergleichbar mit Deutschlands Ruhrpott in seinen besten Zeiten, eine potenzielle Macht, aber eben noch unreif.

Da Moskau noch beschäftigt war meit seinem eigenen Wiederaufbau, fand der Westen ein Vakuum vor, das er schleunigst besetzte. Die Welt merkte nichts davon, alles geschah auf Ebene der Konzerne und Oligarchen, der Diplomatie und der Geheimdienste. Vertrag um Vertrag schob sich Amerika bis hart an die Grenze Russlands vor. Dann, im Mai 2014 war es endlich soweit. In Kiew konnte eine prowestliche Regierung installiert werden. Jetzt geisterte wieder die „Selbstbestimmung“ herum.

Blöd nur, dass diese ehemalige Sowjetrepublik ein so bunter Volksteppich war wie einst die Donaumonarchie. Polen im Nordwesten, Russen im Osten. Ungarn, Rumänen und Griechen im Süden. Die eigentlichen Ukrainer nur die in Kiew und Lemberg. Aber die Ukrainer waren gelehrige Schüler. Ein Staat, eine Sprache, hatten sie gelernt und begonnen, das russische Element zu säubern, verbieten, unterdrücken. Schule, Denkmäler, Amtssprache. Zuletzt mit Terrorbrigaden und Tod gegen die Bewohner des russischsprachigen Donbas. Robuste Methoden, um geopolitisch unter die segensreichen Fittiche der USA zu kommen.

Doch die Kiewer und ihre Strategen aus Washington hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der hieß Wladimir Wladimirowitsch Putin. Putin hatte als Präsident der Russischen Föderation ein Riesenreich übernommen, das zerrüttet am Boden lag und von Oligarchen ausgebeutet wurde. Fast im Alleingang hat Putin dieses Reich wieder zusammengeschweißt und aufgebaut. Dem Westen die Stirn gezeigt, Russland wieder stolz gemacht. Daher der abgrundtiefe Hass, der ihm aus dem Westen entgegenschlägt.

Putin nimmt die Herausforderung an, die sich in der Ukraine stellt. Bevor sich die Amerikaner alles unter den Nagel reißen. Der Rest der Geschichte ist bekannt, aber noch nicht ausgestanden.

Selbstbestimmung ist ein Recht aller.

Tatsächlich muss die Frage nach der Selbständigkeit der Völker in einer größeren Perspektive als jener der Interessen Amerikas gesehen werden. Das ist es, was Kiew schlussendlich lehrt. Trump nötigt Europa gewissermaßen dazu. Und Putin ist die bewegende Kraft, die Europa zwingt, nach seinem Selenski-Rausch endlich die nackte Wahrheit des postamerikanischen Zeitalters einzusehen.