IKONISMUS

Mittwoch 7. Oktober 2026

Die Herrschaft der Bilder.

Nach und nach rutschen wir in ein Zeitalter hinein, in dem ganz bestimmte Bilder aus Zeitungen, Filmen, Videos und Posts alles bedeuten: die Nachricht, das Gefühl, die Botschaft. Bilder werden zu Geschichte ohne Worte. Bilder sind die Fahnen, hinter denen sich Heere bilden und Schlachten geschlagen werden.

Für Religion, Kunst und Mode mag das immer schon gegolten haben. War aber nicht unumstritten. Aus der Geschichte kennen wir die niederländischen Bilderstürmer, die Ikonoklasten, denn das zweite Mosaische Gebot der Bibel besagt, du sollst dir kein Bildnis machen, keines, weder von Gott noch von sonst was. Die Protestanten haben es wörtlich genommen und die Kirchen gestürmt, alle Gemälde verbrannt, die Statuen gestürzt.

Spätestens seit es das weltweite Netz als Massenware per Smartphone gibt, erleben wir die Bilderstürmer im Rückwärts-Loop. Alle machen Bilder, die ganze Zeit, überall. Ich fotografiere, also bin ich.

Millionen von Fototouristen haben ihre „Hotspots“ auf dem Globus, ihre Ikonen. So wie das Bild vom Ranui-Kirchl vor den Geißlerspitzen. Das Villnöss-Tal ist eine digitale Pilgerstätte und die Bauern dort wissen nicht, wie sie den neuen, den positiven Bilderstürmern begegnen sollen.

Begeistert Instagram

Diese Spielart des digitalen Ikonismus, wie ich das Phänomen nenne, ist ja noch ganz harmlos im Vergleich zu dem, was sich in Politik und Gesellschaft abspielt.

Bei den migrantischen Jugendkrawallen in Paris und anderswo gibt es in der zerstörungswütigen Biomasse mehr Smartphone-Filmer als Straßenkämpfer. Am Ende wird ein Foto übrig bleiben, das alles zusammenfasst und zum Symbol des Ereignisses wird.

Das Bild von Paris 2026 wird dann aus dem Internet kommen und höchstwahrscheinlich nicht mehr von einem Pressefotografen stammen, wie jenes ikonische Bild von My Lai, das die Vietnam-Proteste in den USA erweckt und getragen hat, bis die Militärs und der Präsident gezwungen waren, ihren aussichtslosen Krieg gegen Nord-Vietnam zu beenden.

Man sagt, dass ein anderes ikonisches Bild die deutsche Bundeskanzlerin Merkel dazu bewogen hat, den Syrern Tür und Tor zu öffnen im Jahr 2015, eine Tat, die Europa für immer verändert. Und dieses Foto zeigte einen kleinen, verlassenen Jungen am Strand irgendwo am östlichen Mittelmeer.

Das Foto eines liegenden Mannes, dessen Hände mit einer weißen Schleife auf den Rücken gebunden sind, ist das Symbolbild für Butcha, und Butcha ist das Symbol für das Unrecht der Russen gleich wie das Recht der Westeuropäer, die Ukrainer Krieg für sich führen zu lassen.

Und weil der, der das in diesen Tagen gesagt hat, ein deutscher Bundeskanzler ist, stehen die Chancen nicht schlecht, dass eines Tages das humorlos-traurige Gesicht dieses Schmalkopfes die Welt-Ikone sein wird für die Misere Deutschlands im 21. Jahrhundert.

Und weil heute der 7. Oktober ist, wollen wir nicht vergessen, dass der Ikonismus,  wohl vorbereitet, ein paar Symbolbilder zum Ausfall der Palästinenser aus dem Gaza-Freiluftgefängnis bereithält.

Diese Bilder werden israelische Geiseln zeigen. Nicht Bilder von den angeblich über 70.000 getöteten Menschen in Gaza, in Überzahl Frauen, Kinder, männliche Zivilisten, zudem Helfer, Ärzte, Berichterstatter, alles Terroristen, ja „Tiere“, wie es hieß. Drei Jahre lang massakriert aus Rache für den 7. Oktober 2023, aber auch aus der Notwendigkeit, eine nie enden wollende, tödliche Umklammerung los zu werden. So ähnlich wie es das in Deutschland vor genau 100 Jahren gefühlt wurde. Die Bildwelt von damals steckt heute in jedem einzelnen Kopf.

Wenn Bilder zum Maß des Handelns der Politik werden, und das in der Geschwindigkeit und Masse des digitalen Zeitalters, dann ist das Ikonismus.