Das große, wasserreiche Tal.
Das Ultental erlebt zur Zeit eine weitere Fortsetzung der Ausbeutung seines Wasserreichtums. Die Stromgesellschaft Alperia möchte ein Pumpspeicherwerk bauen. In den 1950er Jahren wurden große Stauseen gebaut. Sankt Walburg wurde geflutet und am Berg wieder aufgebaut.
Die Ultner finden, dass ein Pumpspeicherwerk das allerletzte ist, was Ulten braucht. Das Allerletzte. So heißt Ulten auf Italienisch, nämlich Ultimo, das Letzte.
Diese Bedeutung ist grundfalsch. Ulten ist ein reiches Tal. Reich an Wasser, reich an Holz und reich an Humankapital. Stichwort: Ludler, für Insider. Seit Jahrhunderten wandern die Ultner ins Etschtal heraus. Heute fahren sie hinein und heraus und stellen pendelnd ihr Können und Wissen in den Dienst der Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur.
Häusl am Stein, Ulten
Was bedeutet nun das Wort „Ulten“, wenn es nichts mit dem Letzten zu tun hat?
Unser Keltenforscher von Marienberg, der Pater Sebastian Heinz, gibt in seinem Buch von 1895 eine triftige Erklärung. Dazu muss man wissen, dass es in Südtirol ein zweites Ulten gibt, nämlich einen kleinen Weiler in der Nähe von Mals. Pater Sebastian bezieht sich auf den Namen dieses kleinen Dorfes, spannt den Bogen jedoch weiter über die Schweiz hinauf bis nach Irland.
Auf Seite 46 im Buch „Das Celtenthum im oberen Vinschgau“steht:
„Ulten, Weiler mit 5 Häusern auf der Malser Haide, außer Planail gegen Norden hin gelegen, 1270 Ulten oder Ultin, 1367, 1390 Ultim oder in Ultimis, 1390, 1394 Ultem, 1475, 1530 u. s. w. Ulten; aus i. ull = groß und i. dun w. dyn das ten lautet = Anhöhe.“
Aus der Chronologie der Urbare (Akten) wird sofort sichtbar, dass die Bezeichnung „in Ultimis“ eine lateinische aus dem 14. Jh. Ist, folglich aus der Welt der Notare und Grundherren stammt. Und tatsächlich so viel wie „äußerster, allerletzter Ort“ bedeutet. Ettore Tolomei ist damit nicht einmal der Erfinder von „Ultimo“ i seinem „Prontuario“.
Nur hat diese Bedeutung nichts mit der alten Sprache des Volkes in unseren Tälern zu tun. Wäre ja noch schöner, wenn wir uns selbst als die Allerletzten bezeichnen würden.
Also schreibt Pater Sebastian:
„Gleichlautend ist der Name des großen Thales Ulten im Burggrafenamt, der aber aus i. ull = groß und tain = Bach, oder aus i. ull = groß und w. tyno = Thal herstammt.“
Perfekt, sagen sie, die modernen Ultner, wenn etwas passt: Die Keltendeutung passt wie angegossen auf den alten, bezeugten Namen „Ultun“. Pater Sebastian weiß aber noch mehr:
„Aehnlich lautet Olten in der Schweiz und der Namen der Provinz Ultonia in Irland, welche, weil wasserreich den Namen von ull = groß und tain = Wasser angenommen hat.“
Passt noch perfekter. Ein großes, wasserreiches Tal, das ist unser Ulten. Eigentlich sogar eine Welt für sich. Ultonia wäre ein passender Name.
Nicht verkneifen kann sich der Kelten-Liebhaber Pater Sebastian einen Seitenhieb auf die Namensforscher, die in der Erklärung der Wortherkunft dem Latein den Vorzug geben.
„Die Romanen deuten es [Ulten] von multa = Bannwald.“
Wie kläglich. Fast das Allerletzte.