Folge 8: Poebene: Kelten und Etrusker.
Beginnend um die Zeitmarke -1000 wird die Poebene zur Heimat der Kelten in Italien (nicht erst um -400, wie manche meinen).
Auf YouTube gibt es ein nettes Video, dessen Titel suggestiv fragt: „Ist das Veneto die kompletteste Region Italiens?“ Um zu sagen, das Veneto hat alles, was sich ein Mensch zum guten Leben wünschen kann.
Das hat immer schon gegolten, für das ganze Land zwischen Alpen und Meer, Alpen und Apennin, mit dem mächtigen Strom in der Mitte – gerade auch für die alten Kelten.
Hohe Berge zum Erzsuchen, an den Ausläufern große Seen am Alpenrand, liebliche Hügel zum Weinanbau, fischreiche Lagunen, eine unendliche, mit dichtem Urwald bewachsene Ebene mit Wasser-Auen für Schweine, überall mächtige Eichen zum Bau von Schiffen und Häusern. Aussicht und Versteck in Einem, strategisch ausgezeichnet gelegen zwischen Ost und West, Nord und Süd.
Wir müssen uns die große Ebene des „Padus“ (Po) als wasserreiches, dicht bewaldetes Auenland mit Unmengen an Wild und Fischen vorstellen, hinter dem im Norden erzreiche Berge aufstehen. Die Hügel zwischen Berg und Ebene sind strategisch gut als Warten, Burgen und Stützpunkte (Keltenschanze!) für die Bergwerksleute und Schweinehirten eignet. Das Vorgebirge und die Hügel sind angenehm durchlüftet (San Daniele-Schinken!). Das ganze Land optimale Sonneneinstrahlung und mildes Wetter im Winter. Strom und Berge geben den geeigneten Mix von Bodentrockenheit und Bewässerungswasser (tyrolisch: „Wasserwasser“) zum Anbau von Getreide, Wein und Rüben aller Art.
Hier will alles hin. Aber nicht alles kann sich behaupten in dieser Landschaft. Die Kelten schon.
Sie beherrschen die Berge, sie bewegen sich auf den Wassern, sie haben vorzügliche Waffen, sie essen Schweinefleisch, das sie in Kupferkessel sieden. Die Poebene ist wie geschaffen für sie. Hier breiten sie sich aus, gründen Städte wie Mailand und Bologna, Vicenza und Padua, machen gelegentliche Abschreckungsfeldzüge nach Süden (Brennus!).
Die Grenze zu den Etruskern
Viele Lehrmeinungen lassen die nicht-indogermanischen Etrusker Herren und Stadtgründer der Poebene sein (Beispiel Bologna); lassen die Macht und Kultur der Etrusker bis tief in die Alpen hinein gelten. Als Beweisstück wird eine frühe Steininschrift aus Sanzeno am Nonsberg gezeigt, die etruskische Buchstaben hat.
Ich glaube, das ist eine aus der Epoche des Irredentismus stammende, italienische Überinterpretation. Sie folgt dem nationalen Dogma der italischen Suprematie – zuerst die Etrusker, dann die Römer, schließlich die Italiener: die Völker der Alpen und Nordeuropas (man lese: die Deutschen) sind im Grunde nur zivilisierte Wilde; immer schon ist Europa von Süden her durch die Kraft Italiens erschlossen worden.
Quelle: Welt-Atlas.de
Die Vorstellung dieser Historia Phantastica ist vielmehr die, dass der Urwald der Poebene lange eine sichere Barriere bildete für den Vorstoß der mediterranen Völker, wie es die Etrusker waren. Am Apennin verlief die heiße Grenze zwischen bergbauenden Etruskern (Eisen) und bergbauenden Kelten (Kupfer, Eisen, Gold)
Das heißt auch: Am Nordrand des Apennin verlief eine kulturelle und eine politisch-militärische Grenze. Die Städte Parma, Bologna, Imola, Cesena und Rimini sind wie Perlen auf einem Rosenkranz längs des Appenin aufgestellt. Sie bildeten die Kontaktlinie zwischen Kelten und Etruskern, waren also jeweils Außenposten oder Handels-Stätten für grundverschiedene Kulturen und Populationen. Die Etrusker haben die Waffen-Schmiedekunst der Kelten übernommen, die Kelten die Schrifttechnik der Etrusker, haben diese aber nie systematisch eingesetzt, weil die keltische Kultur gewollt schriftlos bleiben wollte.
Nächste Folge von ETYMO AM SAMSTAG: Die phantastische Geschichte der Kelten. Folge 9: Das VEN-Volk.