Folge 10: Das BREN-Volk.
Das Stammwort BREN mit allen seinen Ableitungen, Lautvarianten und Zusätzen (+) halte ich für ein keltisches. In meiner kleinen Wort-Archäologie taucht es vielfach auf im Alpenbogen und der keltischen Tiefebene des Pau (it. Po, lat. Padus).
Mit Brennus ist uns ein berühmter Eigenname überliefert. Wir kennen den Fluss Brenta, Orte wie Brentonico, und alle kennen den Brenner (Pass.)
Die Bren+ sind Kelten. Den Römern als „Gallier“ wohlbekannt. Unter ihrem Heerführer Brenno (röm. „Brennus“) sind sie um -390 siegreich auf Roma gezogen und haben den Stadtstaat am Tiber ordentlich ausgesackelt (1).
Die Römer haben später eine Latte von Legenden an dieses Ereignis geknüpft, Stichworte sind „dies ater“, „vae victis“, die kapitolinischen Gänse, der Held Manlius und der Spruch „Rom bezahlt nicht mit Gold, sondern mit Eisen“.
Die melodramatisch überspitzten Erinnerungen und Sentenzen rund um den für die Latiner so traumatischen Bren-Feldzug sagen sehr viel aus. Es schaut nämlich gar nicht aus wie ein „Einfall von Barbaren“, was eine beliebte Figur nicht nur der altrömischen, sondern auch der italienischen nationalen „Geschichtsschreibung“ ist; eher wirkt die Kapitulation vor Brennus und die anschließende Revanche Roms wie ein existentielles Kräfteringen unter Nachbarn, also zwischen den etablierten Kelten und dem aufstrebenden Rom (2).
Da die apologetische Geschichtsschreibung Roms immer Legende und Fakt nebeneinander bestehen lässt, ist es nicht einmal sicher, ob der Feldherr oder König der Kelten überhaupt Brennus geheißen hat, oder ob hier nicht die Eigenbezeichnung der Kelten dichterisch verkürzend auf ihren Anführer übertragen wird. Im Wikipedia- Eintrag ‚Brennus‘ heißt es am Schluss: „Ob Brennus indes wirklich diesen Namen trug oder ihn im Nachhinein nach jenem Brennus erhielt, der ein Jahrhundert später tief nach Griechenland eindrang und dadurch für die römisch-griechische Welt eine ähnliche Schreckgestalt wurde, ist unklar.“
Klar ist jedenfalls, dass die (römische) Geschichtsschreibung zu den Kelten und Brenno sehr dehnbar ist. Was wir ausnutzen. Wir merken uns den Wortstamm Bren plus Endung wie auch immer (Bren+) und lassen die Bedeutung offen.
Die Wort-Archäologie um BREN
Es gibt zwei wichtige Namen in der Mitte der Alpen-Achse, die von Brenno zeugen. Es sind der Brenner (Pass) und die Stadt Verona. Brenner ist selbstredend und wird auch etymologisch von den keltischen Breuni oder Breonen abgeleitet. Das sind latinisierte Namen des Bren+ Volkes. Die Römer oder besser gesagt, ihre Nachfolger in Kirche und Staat, die die Legenden der Römer weiter gesponnen haben, hielten die Breonen für einen lokalen Volksstamm in der Nähe des zentralen Alpenübergangs.
Verona und Bern
Beim Namen Verona ist der Zusammenhang mit den Kelten nicht so leicht zu sehen. Bearn hieß Verona im Deutsch der Herren Italiens, der Goten, Langobarden und Franken – ja eigentlich bis zum Abzug der Habsburger 1866. (Vgl. Laurin-Sage und Dietrich von Bern). Linguisten halten Bearn für den Abschliff des lateinischen Ursprungsnamens Verona. Dabei ist es umgekehrt. Verona ist die nachträgliche Latinisierung von Brennan oder so ähnlich, dem ursprünglichen und keltischen Namen der Stadt an der Etsch. (3)
Bei genauem Hinsehen häufen sich die Namen auf BREN und seinen Varianten sowohl auf der Nord-Süd-Achse der Alpen als auch im venetischen Alpenvorland.
Brixlegg (Tirol) Brixen (Südtirol), Brentonico (Welschtirol), Brescia (früher Brixia in der Lombardei) sind weitere Ortsnamen, die verdächtig auf Bren/Brex zurücklauten. Wir haben mit dem tirolisch-venetischen Fluss Brenta ein mächtiges Namenszeugnis für das Bren+ Volk. (Nebenbei: die italienische Wikipedia-Herleitung von deutsch Brett, Bottich ist falsch).
Die reine Wort-Archäologie lässt ein keltisches Bren-Volk erahnen, das weit mehr ist als ein einzelner gallischer Heerführer oder ein kleiner Volksstamm in rauen, engen Alpentälern.
Die altrömische Kartographie
Bis heute haben sich die Fachleute täuschen lassen von der Kartographie Europas, wie sie aus den altrömischen Quellen ersteht – die übrigens zum großen Teil im Mittelalter und in der Renaissance nachgefälscht wurden. Das betrifft auch die Bewohner und Regionen der keltischen Länder nördlich von Rimini.
Bis um 1900 ist leidenschaftlich über Räter und Etrusker im Alpenraum geschrieben worden und über die verschiedenen Stämme, wie sie von den Römern aufgezählt worden waren. Die Namengebung der Römer hat ihre Tücken. Sie haben die keltischen Völker oberhalb des Apennins als zutiefst fremd empfunden. Ihre Sprachen waren ihnen unverständlich (4). Sie bezeichneten sie gerne als Barbaren, was nicht von Bart (Barba) und auch nicht von Etwas-Unverständliches-in-den Bart-murmeln kommt, sondern von BRE/BRA-BUS, aus dem später das Wort Bravo wurde. Und BRE/BRA das ist nichts anderes als die Bezeichnung für einen BREN-kelten.
Paradebeispiel für die Selbstbezogenheit (it. autoreferenzialità) der Römer ist DE BELLO GALLICO, eine Lateinschrift, mit der wir Gymnasiasten drei Jahre lang traktiert wurden, und als deren Verfasser Julius Kaisar gilt, was so wahrscheinlich ist, wie dass Donald Trump der Verfasser von „Vom Winde verweht“ ist. In diesem Latein-Klassiker wimmelt es von keltischen Stämmen, Kriegern und Städten, deren Namen rein aus der Perspektive des Militärs und der Steuerbehörde festgesetzt wurden, als römische Exonyme, versteht sich, so wie in England aus Mumbai Bombay wurde.
Weiter nach Spuren suchen
Augen auf also, wenn im Großraum Alpen Poebene die Namen von Siedlungen, Bergen, Flüssen, Seen entdecken, die auf Bre-, Bri-, Bra-, Bren-, Breo- Bero-, oder auf Pre-, Pri, Per-, Par- usw. beginnen. Mir fällt spontan der Brienner See oder der Grenzort Brig in der Schweiz ein, Brissago am Lago Maggiore, das Weindorf Branzoll bei Bozen, Brixen, Brixlegg und Brentonico hatten wir schon, dann der Presenella-Gebirgsstock im Trentino, Brez auf dem Nonsberg. Bei genauerem Forschen sicher viele mehr.
Wir halten an Brennos und seinen Bren-Kriegern fest und sagen: Es sind jene Kelten, die weit vor ihrem Erscheinen in Rom die Nord-Südachse der mittleren Alpen besiedelt und beherrscht haben – nicht in uniformer Weise, wie das ein Staat oder Imperium dank Bürokratie und Infrastrukturen tut, sondern im Leoparden-Muster. Von daher kennen wir Gebiete wie das heutige Südtirol, in dem sich Bren- und Ven-Stämme die Nachbarschaft lieferten.
Fußnoten/Ergänzungen:
(1) Aussackeln heißt auf tirolerisch jemanden ausnehmen (den Geldsack leeren). Das passt gut zum „Sacco di Roma“ 1525, der Plünderung Roms durch die deutschen Landsknechte. 1.915 Jahre nach den Kelten.
(2) So wie beim späteren Brennus das Eindringen „tief nach Griechenland“ wird auch der Feldzug des früheren Brennus heute noch als „Eindringen nach Italien“ apostrophiert. Italien gab es nicht um -400; es ein lokaler Stammes-Name in Süditalien, nichts weiter. Die Kelten hingegen waren in der Poebene daheim, sind also gar nicht eingedrungen, und schon gar nicht vom Westen, wie es von Brennos Stamm der Senonen heißt. (Wikipedia: „Die Senonen gehörten zu denjenigen keltischen Stämmen, die seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. von Gallien kommend in Norditalien siedelten.“). Diese Bren+ Kelten der Po-Ebene haben um 400 BC lediglich einen ihrer vielen Beute-Vorstöße zu den reichen Nachbarn gemacht, den Etruskern. Oder die Etrusker haben Brenno angestiftet, den abtrünnigen und aufstrebenden Romannen im Süden ihres Reiches ordentlich den Kamm zu stutzen.
(3) Da mir meine Umkehr-Hypothese (erfunden am 20.10.2025) ziemlich gewagt erschien, habe ich in tessmann.digital.it, in den Büchern der alten Sprachforscher, eine Kontrollsuche gemacht und „Bern AND Verona“ eingegeben. Herausgehüpft ist mir Benedetto Graf Giovanelli mit seinen „pensieri“ zu den alten italischen Völkern aus dem Jahr 1844; und, was lese ich da, es trifft mich der Schlag, es sind fast meine eigenen Worte zu Verona. Glücklich, wer in erlesener Gesellschaft frei denken kann. Zitat später.
(4) Die einzelnen Völker der Kelten haben die Römer (oder die Fälscher ihrer Schriften) ziemlich eigenmächtig getauft ohne Wissen um Natur und Rangordnung. Das haben wir schon beim VEN-Volk gesehen, das ohne weiteres ein Uen-Volk sein könnte, weil die römische Letter ‚V‘ als ‚u‘ gesprochen wurde. Die Sammelbegriffe „Räter“ oder „Noriker“ sind weitere römische Benennungen ohne genauere ethnische und kulturelle Grundlage.
ETYMO AM SAMSTAG geht weiter, die Serie „Die phantastische Geschichte der Kelten“ endet mit dieser Folge 10.