Rosmarie und die Statistik
„Lebensmittel sind wertvoll“, lässt uns Rosmarie Pamer wissen. Die umtriebige Landesrätin der Südtiroler Regierungskoalition (SVP-Freiheitliche und Fratelli d‘Italia) posiert dafür im perfekt gestylten Ambiente einer landeseigenen Schulküche samt Landesbeamtinnen und Direktorinnen. Pamer verkündet eine Kampagne gegen die Lebensmittelverschwendung. Ein Rezeptbüchlein soll es geben. „Sensibilisieren“ wolle man, heißt es.
LR Rosmarie Pamer (l.) stellt Kampagne vor. Foto: LPA/Stuefer
Der Anlass ist gegeben, da am 29. September die Vereinten Nationen zum planetarischen Tag der Vermeidung von Verschwendung von Lebensmitteln (Food Waste) ausgerufen haben. Und natürlich kommen da gigantische Zahlen und Größenordnungen zum Tragen: Irgendwie sinnlos und tendenziell propagandistisch, wie es politisch motivierte Schätzzahlen à la UN und WHO sind, weil der Umfang zur Durchschnittsberechnung bewusst heillos überdehnt wird.
Die Zahlen, welche die SVP-Politikerin aus dem Passeier zum Anlass da vorkaut, leiden unter der gleichen methodischen Schwäche, sind darüber hinaus aber auch noch von einem eklatanten Fehler begleitet, der offenlegt, dass die Dame nicht nur nicht vom Fach ist, sondern auch so gestresst zu sein scheint, dass sie die ihr vorgelegten Zahlen nicht hauswirtschaftlich nachgeprüft hat.
„Mehr als die Hälfte aller Lebensmittel in Privathaushalten wird weggeworfen“. sagt Pamer in der „Dolomiten“ von heute (jedenfalls wird sie so zitiert; auf der Titelseite steht: „Es ist eine Schande: So viel Essen landet im Müll“).
Diese Aussage bedeutet: Jeder Haushalt wirft mehr als die Hälfte seines eingekauften Essens in den Müll. Um so einen Unsinn in Sinn verwandeln zu können, müsste man genau wissen, wie viel Essen die privaten Haushalte einkaufen. Da bis jetzt noch keine Lebensmittel-Polizei in der Küche steht, um den Einkauf zu erfassen, ist so die Aussage kaum zu machen.
Hätte die Landes-Politikerin gesagt, die Hälfte aller weggeworfenen Lebensmittel entfällt auf private Haushalte, dann läge sie zwar immer noch falsch, wäre der vorhandenen Statistik aber schon näher gewesen (siehe Schaubild unten).
Da die resche Rätin im nachfolgenden Satz noch sagt, dass ihre verschiedenen Dienste und „Träger“ dabei sind, Zahlen zu sammeln, die erst im Laufe von 2027 vorliegen, dann weiß Leser, wie sorgfältig er informiert worden ist.
Aufklärung statt PR-Moral
Nach der Zählweise der am Zustandekommen möglichst skandalträchtiger Zahlen interessierten Organisationen (WWF, Waste Watchers, usw.) landen pro Kopf und Woche rund 500 Gramm Essensreste im Müll (in Italien) – in Südtirol auch in der Biotonne.
Man sollte dabei wissen, dass in Statistiken zu Lebensmittelverlusten auch Knochen, Häute, Schalen und sonstige nicht essbare Reste mitgezählt und gewogen werden. Damit ist die „Schande“ schon etwas weniger moralisch und „sensibilistisch“ aufgeladen. Denn 70 Gramm „Waste“ täglich sind dann immer noch zu viel, aber nicht mehr ganz so dramatisch.
Umgekehrt steht in der Statistik und in der Pamer-PR eine andere Lebensmittelverschwendung komplett außer Reichweite, und zwar eine, die richtig weh tut: die von der Ernte über die Fabrik bis zur Entsorgung abgelaufener Ware in den Geschäften und Supermärkten.
In den statistischen Prozentzahlen fällt diese letztere nur deswegen weniger ins Gewicht, weil die Haushalte eben Millionen, die Industrie und die Märkte nur Tausende sind. Es zählt die Gesamtmenge in Tonnen und danach auch das Verhältnis. Eine etwas ältere Statistik aus Deutschland illustriert das sehr klar und einfach.
In Deutschland gehen von 18 Millionen Tonnen ausgeschiedener Lebensmittel ganze 11 Millionen Tonnen auf das Konto von Industrie, Gastronomie und Handel, und nur 7 Millionen Tonnen auf das Konto der Haushalte. Die absoluten Zahlen mögen heute, nach 10 Jahren andere sein, aber es zählt die Relation, und die ist +/- dieselbe.
Wer soll das alles aufessen?
Jeder, der in Südtirol durch die Lebensmittelabteilungen der großen Märkte geht, oder die übervollen Regale der Geschäfte und Bäckereien sieht, mit Zigtausenden Artikeln, auch weit jenseits des gesunden und genussvollen Nahrungsbedarfs, der fragt sich spontan: Ja wer soll und kann denn das alles aufessen?‘ Wenn dann abends diskrete anthrazitfarbene Großbehälter am Lieferausgang des Supermarkts stehen, dann hat sich die Frage beantwortet.
Damit sind wir auch schon beim „punto dolente“, beim wunden Punkt der Sache angelangt, gegen die kein Rezeptbüchlein und kein perfekt gestyltes Politikerfoto in den Medien hilft.
Doch anders als unnütze „Sensibilisierung“ (unnütz nur in der Sache, sehr nützlich für andere Zwecke) wird diesem Abfallgebaren jetzt sehr wirksam durch den galoppierenden Kaufkraftverlust abgeholfen. Die Leute haben einfach kein Geld mehr, sagte mir jüngst eine junge Frau aus einem durchschnittlichen Südtiroler Familienhaushalt.