Regenbogen und mehr.
Mit Ende Juni endet der von der Regierung Kompatscher zelebrierte „Pride-Month“ mit der Regenbogenfahne. Nach dem gebotenen Streit darüber hat Rechtsanwalt Nicola Canestrini, ein Intellektueller ersten Ranges, noch einmal eine Lanze für die Regenbogenfahne gebrochen und begründet, warum sie durchaus gleichberechtigt an der Seite der Hoheitszeichen des Landes stehen darf.
Seine Argumentation: Die Pride-Fahne sei Ausweis für die Rechte einer (sexuellen) Minderheit, die lange unterdrückt worden sei, und die Südtiroler sollen als (nationale) Minderheit die Solidarität mit dieser anderen Minderheit sichtbar machen.
Die rechtsgerichtete italienische Politik hatte zuvor argumentiert, bei Fahnen müsse die Landesverwaltung „neutral“* bleiben. Was richtig ist, wenn mit „neutral“ das Gegenteil von „parteiisch“ gemeint ist.
Bei Fahnen (Flaggen) ist zu unterscheiden: Sind es Zeichen von Bekenntnis, Gefolgschaft, Gruppe, Club, Herkunft oder Passion jeglicher Art, oder sind es Hoheitszeichen einer souveränen oder teilsouveränen Macht? Diese beiden Elemente müssen auseinandergehalten werden, denn gerade bei Nationalfahnen vermischen sich Emotionen und Staatsrecht.
Natürlich sind Fahnen nicht neutral. Am wenigsten die Hoheits-Fahnen, bei uns die EU-Fahne, die Republik-Fahne (Trikolore) und die weiß-rote Landesfahne mit dem Tiroler Adler. Ganz im Gegenteil, sie sind die höchsten politischen Symbole von Einheit, Sinn und Bedeutung, von Identität, Macht und Herrschaft.
Genau genommen und kurz gefasst ist jede Hoheits-Fahne nur die abgeschwächte Form des ersten der Zehn Gebote: „Du sollst keine fremden Götter haben neben mir.“
Darüber hinaus sind Fahnen der Inbegriff (das „Mal“ sagte man früher) von Bekenntnis und Zugehörigkeit, das emotional gelebt wird und daher auch umstritten sein kann. Das beginnt bei den Nationalflaggen und geht hinunter bis zum Wimpel der Pfadfinder. Auch eine Feuerwehrfahne oder die Fahne einer Schützenkompanie oder die eines Fußball-Clubs sind nicht neutral, genauso wenig wie unsere andächtig getragene Herz-Jesu Fahne im Juni. Minderheit oder nicht, politisch oder nicht.
In dieser natürlichen Hierarchie spielt die Regenbogenfahne der Schwulenbewegung sicher nicht in der ersten Liga, egal welch hohe moralischen Bedeutungen ihr beigemessen werden.
Die Bekenntnis- und Gefolgschaftsfahnen aller Art haben deutlich unter dem Hoheitszeichen zu bleiben, also jener Fahne, welche die Identität einer Gesamtheit in einem genau definierten politischen Referenz-Rahmen ausweist. Was Südtirol und die Landesverwaltung betrifft, sind es, wie gesagt, die Hoheitszeichen von Europa (EU), Italien (Republik) und Südtirol (Landesteil von Tirol). Sie sind weder neutral noch beliebig, im Gegenteil, da stecken unglaubliche Kämpfe dahinter. Man kann sie auch ablehnen oder bekämpfen, aber sie repräsentieren jeweils alles, was kollektive Identität ausmacht, in Politik, Sport, Tradition, Kultur, Wissenschaft, Lebensweise. Nicht widerspruchsfrei, aber real.
*N.B.
Für mich gilt der Spruch, dass, wer sich als neutral erklärt, die Seite des Stärkeren gegen den Schwächeren ergreift.
Im Bild die Mariä-Namen-Prozession in Schlanders Jahr 2019 (c) Georg Dekas