Das Tagebuch des Johann A. Jordan.
…Fortsetzung
17. August 8 Uhr morgens.
Heute liegen in Mais 13 Personen auf dem Rechbrett, darunter auch der Gasteigerknecht. In Algund läßt die Sterblichkeit nach, doch gibt es dort immerhin noch. 90 Kranke. Heute starben in Mais sechs, in Algund vier Personen.
18. August.
In der Stadt ist heute alles munter. Man redet beinahe nichts mehr von der Krankheit. In Mais starb ein Knecht und in Algund der Sohn vom Oberdorner. Um 7 Uhr abends starb plötzlich der Chirurg Abertshauser. Auch zwei andere gemeine Leute sind im Stainach gestorben.
19. August.
Heute sind in der Stadt wieder mehrere Personen erkrankt. So richtig es ausgemacht war, daß die Choleratoten nach St. Leonhard kommen sollten, so wurde doch der Chirurg Albertshauser als ein bekannter betender Aristokrat benebst zwei anderen minderen Personen in der St. Barbara-Kapelle ausgesetzt. Es starben auch zwei Kinder. Man wird wieder etwas stumpfer, jedoch, was die Bescheideneren waren, die fürchteten sich nicht, und es ging jeder seiner Arbeit nach. Im Stainach gibt es mehrere Kranke, aber nur alte. In Algund und Plars sind 84 Personen krank. In Marling gibt es jetzt viele Kranke, heute auch einige Tote, in Mais einen Todesfall. In Naturns gibt es gleichfalls mehrere Kranke und überdem zwei Tote. Von Burgstall und Gargazzon hört man noch immer nichts.
20. August, morgens.
In Mais starben sechs Personen, darunter zwei Cholerakranke. Einen baumstarken Knecht zerriß es gleichsam in drei Stunden, in Algund starben wieder vier Personen, Dort ist ein Doktor aus Bozen zu Aushilfe, weil Dr. Gasteiger noch liegt. Dr. Feiertag stand gestern auf und besucht wieder Kranke. Die Ärzte erlaubten sogar dem Bauerndoktor Mördererhans von Passeier, daß er seine Kuren in Algund ausübe. In Mais liegen derzeit 50 Kranke.
In der Stadt ist es wieder ruhiger. Man sieht wohl manchmal wie ein Geistlicher im Chorrock und der Mesner mit der Laterne durch die Lauben zum Versehen gehen, aber es geschieht stille und man gewöhnt sich daran. Im Spital sterben aber alle Cholerakranken.
21. August, 5 Uhr morgens.
Heute wurden schon die Toten der Barbara-Kapelle begraben. In Mais starben bis heute 50 Personen und zwar fast alle von Untermais. Im Stainach ist es jetzt besser, wiewohl viele krank liegen. Der unermüdliche Dr. Huber besuchte gestern bei 50 Kranke, von denen er drei wieder ohne weiteres aufstehen hieß, da ihnen nichts fehle. Zwei von ihnen spielten nachmittags schon Karten.
Für Meran ist der heurige Krankheitszustand ein großer Schaden, denn ungemein viel Fremde sind seit acht Tagen in Innsbruck angekommen und wollten hieher kommen, so aber stockt dort alles. In Algund sind nun zusammen 84 Personen gestorben. In Marling sterben täglich zwei bis vier Personen.
22. August, früh.
Es sind hier einige Personen gestorben, darunter die junge, edle Gräfin von Stachlburg verehelichte Baronin Schneeburg. Vor acht Tagen schwebte sie wegen der Entbindung in Todesgefahr, heute nachts um 12 Uhr ergriff sie die Cholera und um 4 Uhr morgens war sie eine Leiche.
Die Kapuziner wurden in der Nacht zehnmal gerufen, überall liegen Kranke. Die Ärzte sind Tag und Nacht auf dem Wege, die Apotheken arbeiten fast ohne Ruhe.
10 Uhr vormittags. Die Krankheit nimmt in der Stadt zu. Der Apotheker beklagt sich zu mir, daß er und seine Gehilfen es nicht mehr „ermachen“. Ich selbst sah den Tisch voller Rezepte und diese sogar aufeinandergestellt. Augenblicklich herrscht in der Stadt die echte Cholera. Eine Schlosserin spielte, mit ihrem Kinde in der Stube. Plötzlich rief sie „nehmt mir das Kind aus den Armen, sonst muß ich es fallen lassen. Es ist mir etwas durch den ganzen Leib geschossen.‘ Zum Glück befand sich der Mann in der Werkstätte, der hörte ihre Worte, verstand sofort, worauf das ganze hinausging, lief herbei und hob sie samt den Kleidern ins Bett. Dann machte er ihr sofort warme Überschläge mit Grischen, frottierte (rieb) ihre Schenkel und Füße, die schon kalt zu werden drohten, so stark er konnte. Von Zeit zu Zeit rieb er in die Biegungsglieder einige Tropfen Essig, so auch in der Herzgrube, wo er ihr geradezu Flecken aufrieb. Dies spürte sie nicht, wohl aber den Essig und solcherart rettete er sie, bis der unvernünftige Doktor kam, der zuschaute und nichts wußte.
Auffallend ist, daß sich die Kranken äußerst hart erholen, sie müssen sich wie Kindsbetterinnen halten.
Fortsetzung folgt
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QUELLE
Das Seuchentagebuch von Joh. Anton Jordan wurde vom angesehenen Heimatkundler Richard Staffler einer breiteren Leserschaft zugeführt in dem Buch: Meran: hundert Jahre Kurort 1836 – 1936 ; Festschrift der alten Hauptstadt des Landes zum hundertjährigen Bestande als Kurort, hrsg. von Bruno Pokorny, 1936, Innsbruck Verlag Wagner. Der Aufsatz nennt sich „Das Cholerjahr 1836 im Burggrafenamte. Von Richard Staffler.“, Seiten 59-68. Das Manuskript „Die Cholera in Meran und Gegend im J. 1836“ mit der Bezeichnung ß 42/4 erliegt im Meraner städtischen Museum, notiert R. Staffler. Ermöglicht hat diesen Beitrag die Landesbibliothek Friedrich Tessmann mit der Digitalisierung ihres Bestandes, dafür herzlichen Dank.