Bei «deutsch» geht Eigenheit vor Staat.
Habe ein schlagendes Beispiel für eine wichtige Unterscheidung gefunden. Schreibt die NEUE SÜDTIROLER TAGESZEITUNG unter dem Titel Insektenmagnet und Energiespender (20 apr 26):
«Der deutsche Verein Heckenretter e.V. hat die Gewöhnliche Felsenbirne (Amelanchier ovalis) zum Strauch des Jahres 2026 gekürt.»
Korrekt und in Südtirol geschrieben müsste es eigentlich heißen: «Der bundesdeutsche Verein». Denn deutsche Vereine gibt es ja auch in Südtirol jede Menge, sogar eine «deutsche Schule» (siehe Haupt-Titel in «Dolomiten» 21 apr 26). Es gibt deutsche Vereine überall in Europa, z.B. in den Staaten Polen und Tschechien.
Die politische Verfasstheit der Deutschen ist pluralistisch. Im Unterschied zu den Franzosen und Italienern erheben und haben sie keinen Monopol-Anspruch von der Art Sprache = Staat. Das macht es notwendig, zwischen sprachlicher und kultureller Identität einerseits und der Staatszugehörigkeit andererseits zu unterscheiden.
Statt das Prädikat «deutsch» politisch zu vereinnahmen und es limitieren, um damit exklusiv die Bundesrepublik Deutschland zu bezeichnen – was übrigens zur Folge hat, dass alle anderen Realitäten des Deutschen mit dem zweitrangigen Attribut «deutschsprachig» abgespeist werden – wäre es weitaus besser, das Wort «deutsch» wie seit jeher universell sein zu lassen.
Umgekehrt sollte vielmehr das politische Gebilde Deutschland auf einen Sonderfall bzw. eine politische Spezies des Deutschen eingegrenzt werden. Also «bundesdeutsch» – so, wie man früher «reichsdeutsch» sagte, um die Staatszugehörigkeit zu kennzeichnen, und «deutsch» um alles andere zu benennen, was eben deutsch ist in des Wortes einfachster und verständlichster Bedeutung.
Das macht Sinn, wenn man bedenkt, wie weit außerhalb der Staatsgrenzen der Bundesrepublik das Deutsche gesät hat: Vom Elsass bis zur Wolga, von Dänemark bis nach Oberitalien, von Königsberg bis nach Siebenbürgen.