Vollpension in Jesolo.
Der Badeort Jesolo bei Venedig ist mit 5,6 Millionen Gästen der zweitgrößte Badeort an der Adria. Am Strand der Metropole Jesolo sitzt man mitten in einer gigantischen Tourismusmaschine, ohne es zu merken. Eigentlich müsste die Küste hier „Riviera imperiale“ heißen, denn sie ist das Stammgebiet der k.u.k. Binnenvölker wie zu Zeiten von Kaiser Franz Joseph.
Die Adria ist von Natur aus ein Klassiker. Der weite Küstenbogen von Grado bei Triest bis hinunter nach Rimini ist feinster, breiter Sandstrand, den man kilometerlang auf und ab gehen kann. Das Meer ist flach und ruhig, wie geschaffen für Kinder, die mit nichts glücklicher sind als mit Planschen, Sand ausheben und Sandburgen bauen.
So ein Meeresurlaub am Adriasand hat etwas stark Strukturelles an sich. Was allein schon die in Reih und Glied aufgestellten Sonnenschirme samt Liegen erahnen lassen.
Wer den strukturierten Tagesablauf am Strand mit Sonnenliegen, einer Strandwanderung morgens und einer abends, dem Abkühlen im trüb-seichten Salzwasser so alle ein bis zwei Stunden noch vervollkommnen möchte, der nimmt sich in einem klassischen Adria-Hotel eine richtige Vollpension mit Frühstück, Mittagessen und Abendessen (1).
Wie altmodisch! Aber Struktur. Gegen 12, bevor die Sonne den Zenit erreicht, ist Rückzug ins „Albergo“ angesagt. Schön machen und vor der „Sala da Pranzo“ auf die Öffnung der Tore warten, einen Aperitif vielleicht, aber das wäre auch schon zu aufgesetzt. Nach dem Vier-Gänge-Menü mit viel Perlwasser und Wein dann der „Caffè“ auf der stadtseitigen Terrasse, und husch hinauf in die Ssss…iesta (2). Gegen halb vier erneuter Strandgang. Die Hitze hat wieder einer guten Sonnenwärme Platz gemacht, und so geht das Strandritual unter den Augen der Bagnini und tausend anderer in die zweite Halbzeit.
Am Abend wieder Sala da Pranzo. Nach dem zweiten Tag ist der Saal schon zu einer großen Familie geworden. Man nickt sich zu oder übersieht wissend, während eifrige Burschen in weißen Hemden und schwarzen Hosen die Gänge auftragen. Am Tisch liegt ein Streifen Papier, auf dem die Gerichte des nächsten Tages aufgelistet sind. Mit dem bereit gestellten Bleistift wird angekreuzelt, was es sein darf. Zu selten gelingt es, das Dessert auszulassen, weil man beim Abendspaziergang in der Pinien-Allee noch gerne einen Gelato Artigianale geschleckt hätte. Macht nichts. Ein Verdauungsgang zwischen Boutiquen und Buden gehört zu jedem Adria-Abend.
Wie es aussieht, gehören wir ‚Vollpensionisten‘ an der Adria immer öfter zur Klasse der Pensionäre und werden weniger und weniger. Bei der Tourist Info in Jesolo warf der Computer (persönliche Beratung gibt es nicht mehr) ganze sieben Alberghi mit Vollpension aus – nicht in der Hochsaison.
Es handelt sich beim Meerurlaub in Jesolo um ein aussterbendes Modell. Aber eines, das nicht nur Nostalgie bewirkt, sondern welches man für die Zukunft erhalten und loben sollte im Sinn von „Slow Food“.
Modell und Marke
Das venezianische Adria-Essen im Albergo, das noch inhabergeführt ist, in dem zweimal täglich frisch und abwechslungsreich gekocht wird. Eine Küche, die auf neureiches Zurschaustellen verzichtet, eine traditionelle Küche, in der sich Ökonomie und Genuss gekonnt die Waage halten; eine heimische Küche, in der Düfte und Geschmäcker Botschafter Venetiens sind und die Erinnerung an Jesolo im Stammhirn festsetzen.
Zusammen mit dem durch die Vollpension quasi erzwungenen Strandritual wird der Meeraufenthalt stationär im besten Sinn des Wortes und dadurch zu dem Erholungs- und Gesundheits-Urlaub, den die meisten Leute vor lauter unnützem Aktivismus versäumen oder verlernt haben.
Hätte Jesolo Marketing nötig und wäre ich Marketer, würde sofort ein eigenes Label entwerfen für die Vollpension an der Adria im inhabergeführten Albergo.
(1) Eine besondere Note verdient das Frühstück. Da diese Mahlzeit nach angelsächsischem Brauch zu einem Voll- und Völler-Mahl geworden ist, mit Speck, Käse, Wurst, Müsli und anderem Teufelszeug, benötigt man etwas Kultur, um in guter venezianischer Tradition nur einen schwarzen Kaffee und ein Süßgebäck zu sich zu nehmen.
(2) Wörtlich die sechste Stunde (lat. Sexta hora), Mittagsruhe in Spanien. Wird an der Adria in drei lebenstypischen Phasen gehalten: a) die völlig unmodern gewordene „Heia“, mit der den Kleinkindern anerzogen wird, dem Tag Takt und Stunde zu geben; b) die amouröse Siesta; c) die kontemplative Rast im Alter nach der Art „L’Aprés-midi d’un Faune“.