DER HARMONIEKOMPASS

Sonntag 5. Juli 2026

Fein sein, beinander bleiben.

So heißt es in einem schönen Tirolerlied. „Fein sein, beinander bleiben“ ist eine kleine Ermahnung, um Streit zu vermeiden, aber doch viel mehr Ausdruck einer großen Sehnsucht. Es ist das tiefsitzende menschliche Bedürfnis nach Liebe, Harmonie und Frieden. In der Hinwendung auf das Ewige und Gott findet es seine mächtigste Ausprägung. Gemeinschaftserlebnisse in Sport (Fussball-WM), Musik (Woodstock der Blasmusik) und Theater sind gewissermaßen ekstatische Momente dieser Sehnsucht.

Im gesellschaftlichen Leben ist das Bedürfnis nach Harmonie geradezu banal. Anstatt daheim blöd vor der Flimmerkiste zu sitzen, zieht man sich nett an, geht in den Südtiroler Theatersommer, trifft altbekannte Leute, lässt sich gar vom Athesia-Fotografen schnappschießen oder schaut sich am nächsten Tag auf der Leute-Heute-Seite die Fotos vom „Event“ an.

Auf die Werbekampagne gegen die Hassrede im Netz angesprochen, sagt man, ja, das sei alles ganz schrecklich, was da abgeht, und überhaupt, diese Leute, die immer alles mies machen und überall Verschwörungen und Lügen sehen, den Klimawandel kleinreden, dabei ist doch erst der Berg vor Hafling abgerutscht und die Straße konnte, wie die Zeitung meldet, überhaupt erst „pünktlich“ zur Theaterpremiere bei Trauttmansdorff freigeschaufelt werden, schrecklich alles.

Es ist der Harmoniekompass, der uns im realen, physischen Beisein von Leuten sofort in den Tenor der Gruppe einstimmen lässt, unabhängig, ob das Gesagte zutrifft oder nicht, oder man es, bei klugem Bedenken, doch auch anders sehen könnte.

„Feinsein, banonda bleibm“, sagt der Harmoniekompass. Also nicht nur Mahnung und Sehnsucht: Nein, der Harmoniekompass ist auch ein anthropologisch verankerter Reflex, der in einer Gruppe sofort ausschlägt. Sofern sie real ist.

Anders läuft es in der virtuellen Gruppe ab, in der das Gegenüber aus Fleisch und Blut, aus Blicken, Gerüchen und „Vibes“ (Schwingungen), nicht erfahrbar ist. Da fehlt diese feine physiologische Abstimmung aufeinander. Die Folgen sind Narzissmus und Rechthaberei, obszönes Reden und Geringschätzung anderer.

Für diesen menschlichen Missstand wird nicht die Technologie beschuldigt, die ihn verursacht (alle stieren begierig und ohne Unterlass auf ihr Smartphone). Beschuldigt werden die Wenigen, bei denen der Harmoniekompass gelegentlich oder willentlich ausgesetzt wird, um wichtige Fragen zu klären. Fragen, in denen Wahr oder Falsch wichtiger sind als die permanente Übereinstimmung.

Die allzu Harmoniebedürftigen wittern da leicht „Leugner“, „Versteher“ und Käuze aller Art. Dann treten da in der lauen Sommerluft auch noch Politiker auf, die vom Harmoniekompass profitieren wollen. Per Zeitung rufen sie nach Verboten und beschließen „Sensibilisierungskampagnen“ gegen „Hassrede“: Wieder soll es die Schule richten, um den Jungen die Harmonie im Netz gruppendynamisch einzubläuen.

Leute, geht einfach in die Ferien. Seid fein zu einander, bleibt‘s beinand oder auch nicht. Nur halt nicht ganz auf Kosten dessen, was IST. Denn das, was ist, kann des Öfteren ziemlich ungemütlich sein.


Harmonie: (1) Hotel Agora in Jesolo; (2) privat; beide (c) dege 2026