DER BEISTRICH

Sonntag 21. Juni 2026

Wann setzt man ihn?

Eine Betrachtung zu Kaltern-droht-Beistrich oder die Trennstriche in der Sprachverkehrsordnung.

Lustige Begebenheit für uns Sprachfexe. Schreibt ein Herr aus Eppan diesen Leserbrief. Zitat: Auf der Titelseite der „Dolomiten“ vom 6./7. Juni prangte zentral: „Calderoli: Jetzt liegt es an Südtirol die neuen Spielräume zu nutzen.“ Nicht den Wunsch-Beistrich nach „Südtirol“ möchte ich ansprechen, sondern den Hinweis wiederholt geben […] doch endlich „Spiel(mit unseren Steuern…)-räume“ durch „Handlungsräume“ zu ersetzen. Ende Zitat.

Keine Frage, Handlungsräume ist ein sehr schönes und passendes Wort. Bei Spielräumen kann man geteilter Meinung sein. Spiel bedeutet ja nicht nur das Kinder-, Karten-, Fußball- oder Bühnenspiel, nicht nur das Spiel der Katze mit der Maus oder das mit der Liebe, nicht nur irgendein unernster Zeitvertreib oder gar das trügerische Glücksspiel. Spiel ist auch die kleine Bewegungsfreiheit zwischen Teilen eines Ganzen, oder eine unerwünschte Lockerung, etwa: Die Schnur hat noch Spiel.

Den Zeitungsleuten angetan hat es aber der Wunsch-Beistrich. Beistriche kommen in Überschriften nicht alle Tage vor, und bei Aufzählungen und angefügten oder eingeschobenen Nebensätzen macht der Beistrich ja auch kein Problem.

Dennoch ist der Beistrich das Sorgenkind für gewöhnliche Deutschschreibende. Einer zu wenig, einer zu viel, einer an der falschen Stelle – so ganz genau weiß man es nie. Keiner, der die Pflichtschule glücklich hinter sich hat, verspürt je wieder die Regung, sich in die Grammatik-Regeln des Kommas zu vertiefen.

Aber diesmal, beim Calderoli, ist den Redakteuren ein Plutzer passiert, und das ausgerechnet bei einer politisch hochkarätigen Aussage. Der Herr Leserbriefschreiber mit einem „von“ im Familiennamen hat seinen Degen elegant angesetzt und das hat gewirkt.

Tage später lesen wir in der „Dolomiten“ eine Beistrich-bewehrte Schlagzeile. Bei Eppans Nachbarn, den Herrgottskindern, heißt es groß:

Kaltern droht, die Zeit davonzulaufen.

Du meine Güte, da wollte jemand dem Wunsch nach Beistrich entsprechen und den Calderoli-Plutzer auswetzen. Und ist prompt ins nächste Näpfchen getreten.

Wo liegt der Fehler?

Ein Beistrich soll eine Sinneinheit (Satz genannt) kenntlich machen. Bei Kaltern-droht-Beistrich wäre dann die Sinneinheit „Kaltern droht“. Nun gut, aber womit droht es? Weswegen? Diese Sinneinheit schreit nach einer Erklärung, die nachfolgen müsste. Tut sie nicht. Kaltern droht gar nicht.

Das Kreuz mit den Redewendungen

Der Beistrich setzende Redakteur ist Opfer einer stehenden Redewendung. ‚Jemandem droht die Zeit davonzulaufen“ ist eine fixe Figur.

Es ist wie „Die WM steht vor der Tür“. „Und, lassen wir sie ‚rein?“ fragt die gewitzte Kabarettistin. Desgleichen könnte man im Fall Kaltern fragen: „Und, wohin läuft sie denn hin, die Zeit?“

Dies nur, um den Status von Redewendungen als Fixblöcke außerhalb des grammatischen Kontextes zu pointieren. Überhaupt, fixe Redewendungen mit Verb sind eine weitere Versuchung für den Redakteur, der nicht nachgegeben werden sollte. Dazu ein andermal.

Also: Kaltern droht die Zeit davonzulaufen. Der Redakteur (m/w/d) hätte besser und kürzer sagen können: Kaltern läuft die Zeit davon. Dann hätte es nicht dieses zweite Verb gegeben, das den Komma-Kompass durcheinanderbringt und zu einer falschen Beistrichsetzung verleitet. Die meisten Komma-Setzungen in den „Dolomiten“-Überschriften sind aber korrekt, das habe ich kurz nachgeprüft.

Was ist der Beistrich überhaupt?

Diese nette Begebenheit führt zur Frage, wie es denn mit dem Beistrich sein soll. Wer sich jetzt nicht von der deutschen Grammatik aus dem 19. Jahrhundert quälen lassen will, dem gebe ich ein paar Hinweise an die Hand.

Die Sprechpause

Der Beistrich (das Komma) ist eine Sprechpause. Die venezianischen Erfinder der Interpunktion haben aus der handgeschriebenen, mittelalterlichen Virgel (/) den im Buchdruck Platz sparenden Beistrich (,) gemacht. Und haben noch ein paar Satzzeichen erfunden (wie z.B. das Fragezeichen). Diese so genannte „Interpunktion“ sollte das mündliche Vortragen von Texten bei Gericht, bei Hofe oder im Theater erleichtern und unterstützen.

Um Beistriche nicht ganz falsch zu setzen, hilft es, sich selbst den Satz laut vorzulesen. Wenn die Beistrich-Sprechpause den Sinnfluss stört, dann lieber nicht setzen, egal, was die Grammatik sagt.

Die Sinneinheit

Jeder Satz ist eine Sinneinheit. Das Verstehen ist intuitiv. Ich Tarzan. Gott ist groß. Hans spielt. Hans spielt Ball im Hof. Die logische Struktur ist S-P: Subjekt (Satzgegenstand) plus Prädikat (Satzaussage). Die meisten Sätze erklären, wer was ist oder tut. Natürlich angereichert mit allen möglichen Beigaben zu Zeit, Ort, Art und Weise. Sinneinheiten kann man aneinanderreihen. Ich Tarzan. Du Jane. Mit Punkt dazwischen. Elegant ist das nicht, aber deutlich.

Im Unterschied zum Punkt grenzt der kleine Beistrich die einzelnen Sinneinheiten voneinander ab, ohne den Faden zwischen ihnen abzuschneiden. Der Beistrich ist sozusagen ein kleiner Punkt. Ideal für Aufzählungen.

Sinneinheiten kann man auch miteinander verflechten und in Kaskaden anordnen und Beistriche ansetzen, soviel man will. Man sollte es dabei nicht übertreiben wie im Biedermeier, Rokoko oder Barock. Auch weil man im Deutschen dann das (abschließende) Verb mit dem Fernglas suchen muss, wie uns das Mark Twain in seiner unvergleichlichen Ironie nahegelegt hat (Link zu dekas.blog Mark Twains Fernrohr ).

Beistrich wie Verkehrszeichen

Der Doppelpunkt, das Komma, das Semikolon, die Rufe- und Fragezeichen (alle Interpunktionen) liefern da die Verkehrszeichen für den Redefluß, so wie es die weißen Striche auf dem Asphalt für Fahrzeuge tun.

Der Punkt wäre dann die durchgehende Linie, der Beistrich die unterbrochene.

Während die weißen Trennlinien auf den Fahrbahnen tunlichst zu beachten sind, soll es nicht Unfälle geben, kann der Beistrich eine Spur individueller und auch modischer gehandhabt werden: Auch ihn manchmal nicht zu setzen, obwohl die strenge Regel es verlangt. Niemals aber ‚Kaltern droht, die Zeit davonzulaufen‘.