CHOLERA ZU HOCHUNSERFRAU 1836

Samstag 15. August 2026

Das Tagebuch des Johann A. Jordan.

Fortsetzung

15. August, Mariä Himmelfahrt,

Dr. Huber, der Leibarzt der Fürstin Mathilde von Schwarzenberg, die sich hier aufhält, hat in menschenfreundlicher Weise seine Hilfe jedermann angeboten. Er hat auch die oberwähnte Bäckerdirn behandelt, konnte sie aber trotz seiner größtmöglichen Anstrengungen und Frottierungen nicht mehr retten. Nach seinem Ausspruche war sie eigentlich die erste Person in Meran, welche die wahre Cholera im höchsten Grade bekommen hat. Sie beging den Fehler, wegen des Durchfalles aus dem Bette auf den kalten Estrich herauszutreten, worauf sich augenblicklich Krämpfe einstellten, die von morgens bis 4 Uhr abends dauerten und denen sie schießlich erlag. Dr. Huber ließ sie an beiden Armen zur Ader, es floß aber kein Blut mehr, sie erstarrte und erkaltete. In Mais liegen sehr viele Kranke, fünf Personen sind gestorben, in Algund gab es neun Todesfälle.

Selbst in der Stadt gibt es noch so dumme Leute, die über die getroffenen Anstalten betreffend Läuten, Begräbnisse schimpfen. Vorgestern ließ der Landrichter dem Bürgermeister in Saltaus das Dekret behändigen, in die Stadt zu kommen, um die Handhabung der polizeilichen Anordnungen zu beaufsichtigen. Der Bürgermeister soll dabei geschimpft und gestampft haben, alles schimpft aber auch über ihn.

Zum Versehen wird nicht mehr ausgeläutet, ebenso in Mais. Selbst bei Begräbnissen sind die Leute dort jetzt vorsichtiger, gestern gingen nur vier Menschen mit, die Leute erklärten aber, daß man als heute die Prozession halten würde, wenn auch kein Geistlicher mitginge. Vorgestern führte man in Algund zum erstenmal in einem Wagen vier Tote auf den Freithof. Das Nagl- und Pföstlhoferhaus standen viele Stunden offen, weil niemand es wagte, hinein zu gehen, wenngleich drinnen mehreres Geld vorfindig war. In Algund ist beinahe kein Haus ohne Kranke, bis vorgestern nachts sind dort 50 Personen gestorben, heute wiederum neun. In der Stadt ist heute kein neuer Fall bekannt geworden. Dr. Gasteiger mußte sich heute ebenfalls legen, teils infolge Erschöpfung durch die Strapazen, teils weil er selber den Friesel schon einige Tage herumtrug, teils weil es auch seine Tochter und seinen Knecht ergriffen hat. Die mehrerwähnte Bäckendirn sollte eigentlich als erste bei St. Leonhard beerdigt werden. Sie wurde aber um halb 7 Uhr abends ohne Geläute hier „mit vielem Volke“ begraben. Die Apotheken müssen jetzt um 4 Uhr morgens öffnen und um 10 Uhr nachts schließen.


Fortsetzung folgt

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QUELLE

Das Seuchentagebuch von Joh. Anton Jordan wurde vom angesehenen Heimatkundler Richard Staffler einer breiteren Leserschaft zugeführt in dem Buch: Meran: hundert Jahre Kurort 1836 – 1936 ; Festschrift der alten Hauptstadt des Landes zum hundertjährigen Bestande als Kurort, hrsg. von Bruno Pokorny, 1936, Innsbruck Verlag Wagner. Der Aufsatz nennt sich „Das Cholerjahr 1836 im Burggrafenamte. Von Richard Staffler.“, Seiten 59-68. Das Manuskript „Die Cholera in Meran und Gegend im J. 1836“ mit der Bezeichnung ß 42/4 erliegt im Meraner städtischen Museum, notiert R. Staffler. Ermöglicht hat diesen Beitrag die Landesbibliothek Friedrich Tessmann mit der Digitalisierung ihres Bestandes, dafür herzlichen Dank.