Ein Mann richtet seine Frau und sich selbst. Die Presse ergreift Partei.
Ein Waldarbeiter (45) erhält vom Anwalt seiner acht Jahre jüngeren Lebensgefährtin und Mutter von gemeinsamen drei Kindern den Scheidungsbrief. Die Frau kündigt die Lebensgemeinschaft unwiderruflich. Erst vor wenigen Wochen hatte sich das Elternpaar getrennt. Der Mann haust allein in seinem Heimatort Castello Molina. Der Brief löst etwas aus. Der Waldarbeiter geht um 9 Uhr morgens zur Familienwohnung. Mit einem Jagdmesser, das er mitgebracht hat, schneidet er der Frau Kehle und Halsschlagader durch. Auf dem Rückweg sieht ihn eine Nachbarin: «Igor, wie geht’s?» Der Mann antwortet «benon» (ganz gut), geht ins Haus und erhängt sich.
Die Zeitungen
schreiben am 12. Jänner in großen Lettern über die Tragödie, zeigen Fotos. Er und sie in getrennten Gesichtsaufnahmen. Sie hat ein ovales, hübsches Gesicht, modische Brillen, wirkt sehr gepflegt. Für das Porträt-Foto hat sie sich hergerichtet. Das Foto des Mannes ist der Ausschnitt von einem Freizeitfoto. Er ist verschwitzt, wirkt angestrengt, mag nicht fotografiert werden. Vom Typ her ein Naturbursche, aber leicht übergewichtig. Am nächsten Tag veröffentlichen die Zeitungen einen Schnappschuss, auf dem man beide als Paar aus besseren Tagen sieht. Die junge, glücklich wirkende Frau schmiegt sich an die Schulter des jungen Mannes. Er, ein durchaus vorzeigbarer Bursch, schaut verlegen zum Fotografen her. In der «cronaca nera» wird der Waldarbeiter als «riservato» beschrieben: zurückhaltender, verschlossener Charakter. Die Frau wirkt offen, unternehmungslustig, selbstbewusst.
Der Bruch
Im Aufmacher des «L’Adige» vom 12. Jänner steht, dass das Paar wenige Wochen vor der Bluttat «den Entschluss gefasst hatte, sich zu trennen». Im zweiten Aufmacher darunter steht, dass der Trennungswunsch von der Frau ausging. Das nicht verheiratete Paar hat drei gemeinsame Kinder im Alter von 10, 9 und 5 Jahren. Nach fünfzehn Jahren Dienst in der öffentlichen Sanität und 10 Jahre Kinderarbeit will sie ihren eigenen Gesundheits-Salon für «ganzheitliches Wohlbefinden» aufmachen: «Scintille alchemiche» heißt er. Der Waldarbeiter, so heißt es in der schwarzen Chronik vom 13. Jänner, will diesen «Bruch» nicht hinnehmen. Er beschließt, sein eigenes und das Leben der Mutter seiner Kinder auszulöschen.
Grundverschieden
Auch ohne nähere Kenntnis der Umstände und der Betroffenen in dieser Tragödie, die so kennzeichnend für unsere Zeit ist, erhellt, dass aus einer frühen Jugendliebe eine lange Beziehung und schließlich eine Familie hervorgegangen ist, deren Träger zwei grundverschiedene Persönlichkeiten sind. Mutter und Vater mit je zwei recht unterschiedlichen beruflichen Laufbahnen. Er kommt heim im grünen Toni, der nach Motorsägen-Benzin riecht und voller Holzspäne ist, ihre Welt ist eine gepflegte im weißen Kittel, mit strenger Hygiene und duftenden Salben. Er redet wortlos mit den Bäumen, sie ist den ganzen Tag unter Menschen.
Die Mutterpausen
Die Frau bekommt das erste Kind mit 27. Zu diesem Zeitpunkt ist sie Beamtin in sicherer Stellung. Als solche hat sie Anrecht auf eine großzügige Mutterschaftsregelung, mit der bis zu drei Jahre Freistellung vom Dienst möglich sind. Aber bereits ein Jahr nach der Erstgeburt ist schon das zweite Kind da. Im Alter von 32 kommt das dritte Kind. Die Frau dürfte von der letzten Mutterpause an beschlossen haben, nicht mehr in den öffentlichen Dienst zurück zu kehren, sondern ihr eigenes Studio aufzumachen.
Aus den Schlagzeilen wird nichts vom «Waldarbeiter» bekannt, keine Karriere, keine Anstellung, auch sonst keine personalisierenden Angaben.
Die feministische Moral
Die erste Sicht von außen auf diese schreckliche Untat erfordert Pietät, Schweigen, Gebet. Ein schreckliches Verbrechen ist geschehen. Eine Todsünde wider Gott, sich selbst, der langjährigen Liebe, der Mutter, vor allem wider den eigenen drei Kindern.
Aber die Bluttat und die Schilderung dieser zutiefst menschlichen Tragödie wird bereits in der ersten Meldung in einen gesellschaftspolitischen Kontext gerückt. Die «engsten Freundinnen» der Frau geben Wortwahl und Ton an. Ihre Aussagen werden zum Aufmacher-Titel: «Ester ora stava tornando a vivere». Die Lebensgemeinschaft mit dem Waldarbeiter folglich ein emotionaler Tod, das Aufziehen der drei Kinder etwas dem Leben Abträgliches. Die «Ich»-Perspektive der Frau steht in der Zeitung ganz oben. Das hat nicht nur mit dem besonderen Mitgefühl für das erste Opfer der Tragödie zu tun.
Die feministische Weltanschauung, welche im «L’Adige» die Feder führt, sieht zu allererst die Frau und ihr Streben nach Selbstverwirklichung und, nach der Formel «tornando a vivere», auch Genuss und Lebenslust. Die dreifache Familientragödie wird auf den «femminicidio» fokussiert, den heimtückischen und kaltblütigen Mord an einer liebenswürdigen, hoffnungsvollen, kämpferischen Frau.
Der Mann als zweites Opfer
Der Mann als Täter und zweites Opfer des Streits um das richtige oder falsche Leben ist keiner näheren Beschreibung würdig. Die Motive für seine Schuld bleiben ungenannt. Das Entsetzen seiner Verwandten: ungenannt. Die «Familiari» der Frau aber kommen ausgiebig zu Wort. Die Schwester des weiblichen Opfers darf rhetorisch fragen, warum einer das Ende der Liebe nicht einfach akzeptieren könne («Perché non si riesce ad accettare che l’amore possa finire?»). Als ob es nur um eine Liebschaft oder auch nur um das Ende einer langen Liebesbeziehung gegangen wäre und nicht um die Zerstörung seiner Familie.
Frauenkarriere Krönung des Lebens?
Am Samstag, den 13. Jänner versammeln sich in Trient an die zweihundert Leute (300 laut Zeitung). Sie protestieren gegen den «femminicidio». Das wirtschaftliche Vorhaben der ermordeten Frau wird in der selben Meldung («L’Adige» vom 14. Jänner) als «Krönung eines Traums» parafrasiert. Der Bericht trägt den Titel «Ester, una scintilla di vita» Darunter steht: «Femminicidio, il dolore dei familiari.» Das alles ehrt das Mitgefühl von Zeitung und Zeitgenossen. So verständlich diese offene Parteinahme im Angesicht der schrecklichen Tat ist, so bleibt sie dennoch eine bewusste Beeinflussung des Publikums zugunsten eines bestimmten Lebensmodells.
Der Todesmut
Als ein auch mit Männern Mitfühlender möchte ich dazulegen, dass es eine nicht geringe Kraft, Entschlossenheit und einen Todesmut braucht, um sich für ein Kapitalverbrechen eigenhändig zu richten. Diese Schneid hatte der junge Turetta nicht.
Das Ende der Familie
Jenseits der Leiden der Hinterbliebenen bleibt am Ende die bittere politische Erkentnis übrig, dass die moderne westliche Lebensauffassung von «Alles geht» und «Laissez faire» das Todesurteil für viele Familien ist.
Am obersten Rand der Gesellschaft mag es schockierende Dramen geben wie jenes um die Block-Kinder. In den Rängen der einfachen Leute ist das Familienleben viel einfacher gestrickt. Hier finden Ausweglosigkeiten keine intellektuelle Lösung. Waldarbeiter können nur leben und handeln, wie es Waldarbeiter gewohnt sind.