Oder warum Verona Bern ist.
Graf, Grundbesitzer, Gerichtsadjunkt, Gelehrter und großer Bürgermeister von Trient – das ist Graf Benedikt Giovanelli (1795-1845). Eigentlich: Benedetto Conte Giovanelli – Benedikt Graf Giovanelli von Gerstburg (Kurz-Bio)
Neben seiner juristischen Tätigkeit und der Verwaltung seiner Güter hatte der Graf eine besondere Leidenschaft: Die Erforschung der Sprache und Frühgeschichte seiner Heimat. Eine Heimat, die er noch unverfälscht als „Tirolo italiano“ benannte (während Trentino von dcn Italo-Nationalisten bevorzugt wurde).
In der Bozner Tessmann-Bibliothek ist digital abrufbar sein Werk Dei Rezji: dell’origine de‘ popoli d’Italia e una iscrizione rezio-etrusca; pensieri di Benedetto Conte Giovanelli Podestà di Trento, Stamperia Monauni 1844, Trento.
In Google-Books findet sich Giovanellis Abhandlung zu einem „Etrusker“-Fund in Matrei am Brenner. Die Matrei-Abhandlung auf Google Books
In „Dei Rezji“ schließt sich der Graf jener Forschungsrichtung an, welche die keltische bzw. etruskische Wurzel der Alpenvölker vertritt. Im Gegensatz zu den Bezeichnungen und (angedichteten) Genealogien der römisch-imperialen Quellen und späteren italienischen Autoren.
Kronzeuge ist ihm eine Kupferkanne, an deren Rand Schriftzeichen in phönizisch/etruskischen Buchstaben eingraviert sind. (Ich glaube mich erinnern zu können, dass Graf Giovanelli die Ausgrabung des Fundes für sich reklamiert).
Ja, Kupferkanne oder Kessel, das ist keltisch.
Das Lesen dieser Schrift ist eine Herausforderung und gehört sicherlich in das Fach Italienisch für Fortgeschrittene und lohnt sich allein schon unter diesem Aspekt. Herausgreifen möchte ich nur die eine Fußnote, in der Graf Benedetto die Etymologie des Namens VERONA behandelt.
Verona ist Bern
„perocché anche i conquistatori sogliono ritenere i nomi antichi che trovano, delle città che conquistano, e i barbari, che invadono una terra, una città, le nominano non come sta nelle scritture, ma come le odono chiamate dal popolo e dai vicini. Laonde io credo, che sia da esaminarsi la cosa da un altro lato: e questo mi pare, che sia quello di considerare la voce Verona per derivata da Bern. Il nome Bern e Wern latinizzato dà Werona, o Verona.”
Eine letzte kleine Betrachtung ist jene um den Malser Votivstein.
Graf Giovanelli und der Malser Votivstein
Im Artikel (Ein altes Denkmal) im deutschgesinnten „Der Burggräfler“ vom Mittwoch, 17. Juli 1901 kommt Benedetto Conte Giovanelli vor. Da geht es um einen archäologischen Fund in Mals. Ein Votivstein mit schwer lesbaren Inschriften. Die Entschlüsselung wird, Zitat: „dem berühmten Germanisten Graf von Giovanelli“ zugesprochen. Germanist sagt die Zeitung. Unser alter Freund, der Keltenforscher aus Marienberg, Pater Sebastian Heinz, sieht Graf Benedikt hingegen als „der berühmte Celtenthumsforscher“.
Der Hintergrund ist politisch. Wer, wie Pater Sebastian oder Graf Giovanelli, die Kelten als gemeinsame Wurzel romanischer und germanischer Sprachen und Völker annahm, widersetzte sich dem brennenden Nationalitätenstreit. Die Annahme eines keltischen Substrats war gleichsam eine wissenschaftliche Friedensbewegung – die, wie fast alle Friedensbewegungen – am Ende zwischen den Stühlen landete.