Zum Andreas-Hofer-Tag ein fiktives Zwiegespräch*.
Auf einer Parkbank im Jenseits sitzen zwei Männer und warten auf das jüngste Gericht. Beide eher klein von Wuchs, rundliche Köpfe, kohlschwarze Augen, kräftige Blicke. Der eine trägt wolligen Vollbart, der andere hat eine Haarlocke kunstvoll in das glatt rasierte Gesicht gezogen. Sie sprechen italienisch miteinander. Die Unterhaltung zieht sich ruhig dahin. Längst wurde alles gesagt. Man wiederholt es nur. Zeit spielt hier keine Rolle, ebenso wenig Herkunft, Eitelkeit oder Bedeutung.
Beide, Napoleon Buonaparte aus Korsika und Andreas Hofer aus Tirol, beobachten gelassen, was so alles vor sich geht auf dem Planeten. Am ehesten für Abwechslung sorgen gelegentlich kleine Spitzen im Spiel, das die beiden „Mander“ (Männer) zwischendurch betreiben: herab auf die Erde schauen und zum Schein streiten, wer von den Nachkommen am ehesten auf den modernen Franzosenkaiser und wer auf den gläubigen Bauernkrieger passt.
NB: „Schau her André, wie sie dich jetzt feiern in deiner Heimat. Dabei warst du für mich und mein Kriegsglück so unbedeutend wie nur irgendwas.“
AH: „Weißt du, Nabbulione – ich tu mir leichter, wenn ich dich mit deinem korsischen Namen anspreche – deine große Politik und deine großen Kriege haben mich nie interessiert. Ich hab für meine Heimat Tirol gekämpft und für unsere Art zu leben.“
NB: „Mon Dieu, ich hör meinen Vater Carlo reden. Du weißt, er war bester Freund unseres korsischen Freiheitshelden, des General Paoli. Als junger Offizier habe ich selbst mit Hingabe an Korsika geglaubt und an unsere Freiheit. Ich habe meine junge Karriere aufs Spiel gesetzt und Schiffe zusammengestellt. Meine Landsleute sind mir nicht mitgegangen. Das hast du besser hingekriegt, Andrea.“
AH: „Ja, und dann hast genug gehabt vom korsischen Freiheitskampf. Hast dir gesagt: Jetzt geht’s um mich und meine Familie und sonst um gar nix. Hast dich den Franzosen an den Hals geworfen…“
NB: „Halt! Die waren scharf auf mich und ich ihre Rettung. Hab erst mit neun Jahren französisch gelernt. Ich war der beste im Rechnen und einer der jüngsten Offiziere. Fachmann für Artillerie: Jeder Krieg ist wie der Beschuss einer Festung. Immer alle Kanonen auf einen Punkt richten und draufhalten, bis ein Loch in der Mauer ist. Alles andere geht von selbst! Nicht wie ihr euch verzettelt habt, mit Kaiser hin, Erzherzog her, Berg Isel da, Berg Isel dort. Haha. Nein, Hofer, Frankreich hat schließlich meine Ausbildung bezahlt und die haben mich sofort zum Divisionsgeneral gemacht, als ich die richtige Frau in Paris kennen gelernt hatte. Glaub mir, Hofer, wenn man bei uns auf Korsika über das Meer schaut und dann zurück auf die kargen Berge, wo nur ein paar Ziegen weiden, dann bedrängt dich eine einzige Frage: Was für Möglichkeiten liegen jenseits des Meeres? Wie viel Reichtum ist dort nicht zu holen…?“
AH: „Na, solche spinneten Gedanken machn wir uns im Psayer nit, eingeklemmt wie wir sind zwischen Bach, Berg und Lahne. Bei uns gibt es die Freiheit nirgendwo, wenn nit daheim. Am schönsten ist es oben am Berg, über allen Gipfeln. Da gibt es nicht einmal mehr den Kaiser. Nur Gott und dich allein. Du siehst, wir Tiroler begnügen uns mit viel weniger als …“
NB: „Mah, begnügen ist relativ. Wer mehr kann, der mehr tut. Aber eines muss ich euch Tirolern schon lassen, auch wenn ihr ziemlich verbohrt seid mit eurem Land. Ich erinnere mich gut, als einer meiner Generäle zu mir kam und sagte, sie seien beim Marsch durch die Alpen auf zornige Bauernkrieger mit Mistgabeln gestoßen, die wie Franzosen kämpften – mit dem gleichen Ansporn, meine ich, mit der Leidenschaft, die nur der Kampf um die Freiheit verleiht. Weißt du, Andrea, überall anderswo habe ich eher leichtes Spiel gehabt. Wegen meines militärischen Genies, das ist klar, aber auch dank dieser unmotivierten Zwangssoldaten und ihrer faulen, aber hoch adeligen Befehlshaber in allen Armeen Österreichs.“
AH: „Kann ich dir gar nicht unrecht geben, Buonaparte. Allein Tirol ist anders. Wir Bauern hatten schon lange unsere Freiheit vom Kaiser erhalten, als die meisten Leute in Europa noch Halbsklaven ihrer Großgrundbesitzer waren. In der Padania war das so noch bis 1909! Das prägt, so oder so. Als du mit deinen Bayern in unser Land kamst, da wollten die alles umkrempeln. Nicht schlecht gemeint. Nur haben wir Bauern schon unsere alten Grafen und ‚Stodtfockn’ nit übermäßig gern gehabt. Auf einmal kommen ganz neue und geschniegelte von außen her, die alles besser wissen! Nit welsche Franzosen – Daitsche!“
NB: „Mensch Hofer, was beklagst du dich! Heute ist es doch wieder so bei euch. Und wie sie lecken, deine Landsleute! Schau nur, die EU! Es gibt keine größere Bestätigung für mich, Napoleon, den einzig wahren Kaiser Europas!
AH:“… als dieses Monster aus Richtlinien, dieses sündige Sprachen-Babel, wo keiner mehr deutsch red’t, ein Goldland für Sesseljäger und korrupte Politiker…“
NB:“ Auch nach zweihundert Jahren raufen alle um den großen Kuchen!“
AH: „Diesmal friedlich und freiwillig.“
NB: “Dass ich nicht lache! Eher unter der Erblast der Millionen Toten, die mein stümperhafter Nachahmer mit dem kleinen Schnauzer angerichtet hat! Mein Europa wäre allemal besser gewesen!“
AH: “Hab dir schon oft gesagt, dass der Hitler gut auf dich passt. Muss dir zugute halten, dass dein Antrieb die persönliche Gier nach Reichtum und Selbstbestätigung war. An deinem Größenwahn haben die meisten gut mit verdient. Aber dieser braune, gottlose Esoteriker aus meinem armen Vaterland Österreich, der hat alle verhext und wahnsinnig gemacht.“
NB: “In einem seid ihr beide euch dennoch sehr ähnlich, mein lieber General Barbone!“
AH: “Bist narrisch? Der hat nicht Gott und Kaiser geachtet! Unser Vaterland, das hat er so gründlich verdorben und in Grund und Boden zerstört, wie es kein Franzos‘ oder Welscher je derpacken täte. Wegen dem da werden noch in zweihundert Jahren so edle Worte wie Ehre und Treue nur schwer über deutsche Zungen gehen… “
NB: „Aber bis zum letzten Blutstropfen kämpfen, das schon, gell! Nicht sehen, wenn es vorbei ist! Klingelt’s?“
AH: „Gut, dass es hier außerhalb der Welt keine Qualen gibt. Sonst müsste ich mir den Bart raufen. Deswegen, Bullioun, sitz i a nit so gern mit deinem Schwiegervater zusammen da im Himml.
NB: „Du meinst deinen verehrten Kaiser Franz?!“
AH: “Hab es einfach nit getscheckt, dass die Habsburger sich dermaßen ungeschickt anstellen. Ich mein, dass ich als Regent in der Hofburg nit die beste Figur gemacht hab, das weiß ich. Wollte ja nie Politiker sein. Aber geglaubt habe ich fest, dass ein Kaiser von Gottes Gnaden regiert. Wusste nit, dass mein Kaiser auch nur ein Politiker ist, der sich von Gott wenig einflüstern lässt, dafür umso mehr von allen anderen.
NB: „Bravo, Barbone, du machst Fortschritte!“
AH: „Diese adeligen Supermanager! Der Erzherzog Johann, sozusagen die linke Hand, wollte aus uns Tiroler Bauern eine Guerillaarmee machen als Pilotprojekt für Österreich. Der Diplomat Franz, die rechte Hand, hat uns dafür dann ebenso so oft fallen lassen, wie er sich dir ergeben hat. Sogar seine Tochter hast du heiraten dürfen. Dein Sohn Napoleon der Zweite ist ein halber Österreicher!“
NB: „Find i super! Siehst du André, das ist die neue Zeit, das ist Europa! Ich war der Wirbelsturm und habe die neue Zeit begonnen. Heute schlägt sie in meinem Takt!“
AH: „So schaut’s aus. Aber mich, Andreas Hofer, den Sandwirt, mich gibt es immer noch, du mein lieber Kaiser der Neureichen, du Schutzpatron der Spekulanten und aller neumodischen Kapitalisten, du Meister der frisierten Volksbefragungen, du Erfinder des politischen Marketings…“
NB: „Komm Hofer, jetzt werd nicht bös. Ich weiß ja, dass deine Bedeutung nicht im Großen liegt. Du warst ein echter Vorkämpfer für „Small Is Beautiful“. Hat Zukunft, glaub’ mir. Wohin mich mein Schicksal getragen hat, das weißt du ja. Dich hab ich wenigstens großartig erschießen lassen. Bist als ganzer Mann gestorben, Respekt! Mich aber haben sie auf einer Insel im Atlantik langsam verrecken lassen.
AH: „Und heute bist nicht viel mehr als eine Cognac-Marke!“
NB: „Und du auch nicht viel mehr als ein Namensgeber für Hotels und Weine!“
AH: „Recht hast. Wenn i nur seh’, wie sie da unten gscheid reden über mi. Im Grunde kratzt es die reichen Südtiroler gar nit mehr, Glaube, Treue und das alles. Meinen Nachfahr, den Jörgl Klotz, den lassen sie dafür ganz hinten liegen…“
NB: Das ist wohl eine andere Geschichte!“
AH: Ja, aber eine, die immer weiter geht.“
NB: „Die Geschichte geht immer weiter, mon cher, caro mio. Namen und Uniformen ändern sich. Dahinter steckt immer das …“
AH: „… wofür wir gekämpft haben, mein lieber Napoleon. Du auf der einen und ich auf der anderen Seite.“
*) Neuauflage eines Artikels von Georg Dekas aus dem Hofer-Gedenkjahr 2009 (ganz leicht überarbeitet).